Whit Stillman, Metropolitan, Westerly Films, New York, 1990
Sound & Vision, Visual & Iconic

Aus einer Zeit vor der Uber-App oder: Wie ein geteiltes Taxi überraschend eine aufkeimende Liebe ermöglicht hat

Whit Stillmans Erstlingsfilm «Metropolitan» von 1990

Mit der Uber-App wäre das alles bestimmt so nicht passiert: Denn dann wäre klar gewesen, für wen das Taxi bestimmt ist und Tom Townsed hätte nicht nach einem New Yorker Debütantinnenball in der Weihnachtssaison vom überzuvorkommenden Nick Smith angeboten bekommen, sich gemeinsam eines der raren Taxis zu teilen. Darüber hinaus wäre er nicht überzeugt worden, überstürzt mit zu einer privaten After-Party zu kommen und so zur Sally Fowler Rat Pack zu stoßen, einer Clique von rich Kids der Upper East Side. Ganz unbekannt ist Tom den jungen Damen dort nicht, denn sie kennen ihn über Serena, eine Ex-Freundin von ihm, die ihnen seine Briefe in der Schule vorlas und die auch über den ganzen Film hinweg für weitere Verwirrungen sorgt. Dass Tom von den gesellschaftlichen Standards her nicht in diese Clique passt, wird spätestens dann klar, als die Party vorüber ist und den anderen in der kalten Winternacht auffällt, dass Tom keinen adäquaten Überzieher hat. Tom verweigert aber diesmal ein geteiltes Taxi und nun wird ihnen vollends klar: «A West-Sider is amongst us.» Dort lebt er mit seiner Mutter, einer Autorin, die ihn am nächsten Tag darüber aufklärt, dass er die Ausleihzeit für den Smoking überziehen wird. Da es in der Sally Fowler Rat Pack einen Überhang an Frauen gibt, muss Tom – nun ja überraschenderweise weiterhin richtig ausstaffiert – auch nicht mehr lange überredet werden, einen weiteren Abend mit der Gruppe unterwegs zu sein. Tom, der sich als Sozialisten bezeichnet und überzeugter Anhänger des französischen Fourierismus aus dem 19. Jahrhundert ist und von daher diese Art Bälle und Festivitäten eigentlich ablehnt, wird aber von Nick eines besseren belehrt: Nämlich, dass es keine billigere Möglichkeit gibt, in New York am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, da man nur ein Outfit brauche, das es auch gebraucht zu erwerben gibt, und alles andere überdies gratis sei. Und überhaupt: Tom würde übersehen, dass die Damen auf ihn zählten, er somit auch unabhängig und nicht mehr lediglich die Begleitung einer der Damen wäre.

Kurz und gut: Tom wäre nicht zum Team gestoßen. Und eine von den Debütantinnen, Audrey, hätte sich nicht Hals über Kopf in Tom verliebt. Die Handlung des Films wird von den Gesprächen auf den diversen Bällen und deren After-Parties getragen, die über die ganze Weinnachtszeit hinweg stattfinden und zum Ende hin immer mehr durchsetzt werden von überschäumenden Partyspielen, die die Stimmungen überkochen lassen. Themen, über die gesprochen wird, sind z.B. Downward Social Mobility, das überkommene amerikanische Klassensystem und die «Upper Haute Bourgeoise», einem Begriff, der von einem überdrehten Charakter der Gruppe geprägt wird, Snobismus, persönliche Überzeugungen, die Vergangenheit jedes einzelnen und die gemeinsamen Erinnerungen; Freundschaften, Beziehungen und deren Verlauf und natürlich Gefühle, Gefühle, Gefühle.

Whit Stillman MetropolitanMit Audrey hätte Tom dann natürlich auch nicht bevorzugt über Jane Austens Mansfield Park und deren Figuren und die Kritiken darüber von Lionel Trilling diskutiert. Über kurz oder lang stellt sich heraus, dass Tom nie die Bücher selber, sondern nur die Kritiken darüber liest, denn er kann, so sagt er, nie übersehen, dass die Handlung in den Büchern reine Fiktion ist. Audrey ist überrascht, fast erschüttert.

Das Überragende an dem Film ist, dass er eine Überschneidung von Filmen und Themen Eric Rohmers mit denen von Woody Allen wagt – und dies lange vor den Filmen Wes Andersons – der Einfluss des 1990 entstandenen Films auf Wes Anderson somit kann als sicher angenommen und überdies kaum überbewertet werden. Überlagert wird der ganze Film durch die typisch amerikanische Bigband-Musik und Mowtown Klassiker. Die überreiche Ausstattung, die anachronistisch und zeitlos wirkt, bildet die Ü-Pünktchen der ganzen Produktion, die nur 400.000 Dollar kostete und über 3 Millionen Dollar einspielte. Übrigens wird aus diesem Film auch überdeutlich, dass Geld allein zwar nicht glücklich macht, es aber es besser ist, in einem Taxi der großen Liebe in die Hamptons hinterher zu fahren – wie es Tom am Ende des Films tut, um Audrey wieder zu sehen – anstatt im Überlandbus.

Whit Stillman: «Metropolitan – Doomed. Bourgeois. In love.», Westerly Films, USA, 1990

Bilder: Westerly Films
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