Der kürzeste Jahresrückblick 2018: Ich hätte nicht gedacht, dass Chris Dercon so schnell geht.

Er war höchst umstritten, doch im Frühjahr 2018 schien die Intendanz von Chris Dercon an der Berliner Volksbühne «TROTZ ALLEDEM» (so das Banner am Theater nach der Besetzung im September 2017) und trotz etlicher weiterer Pannen gefestigt zu sein.

Doch dann überraschte ‪am Freitag, dem 13. April‬, die Nachricht, dass Dercon mit sofortiger Wirkung seinen Posten aufgeben würde. Ein paar Tage später veröffentlichten Investigativjournalisten einen kurzfristig vorgezogenen, aber dennoch aussagekräftigen Report über die gerade mal «255 Tage von Chris Dercon». Sie konnten mit etlichen Fakten verblüffen und die stets unverfrorenen Behauptungen Dercons endgültig entkräften: Die Hauptbühne wurde mehr als die Hälfte der Abende gar nicht bespielt; diese Vorstellungen waren des Weiteren meist nur zu einem Viertel verkauft. Darüber hinaus hatte nicht nur für Dercon und den damaligen Kulturstaatssekretär Tim Renner die Erhaltung des Ensembles keine Priorität, sondern es wurde gar eine Umwandlung in eine «Projektgesellschaft» angestrebt, wie die Recherchen belegen.

Künstlerisch gesehen schaffte es Chris Dercon durch seine Umgangs- und Arbeitsweise weder, die Belegschaft des Hauses für sich zu gewinnen, noch Essentielles zu zeigen. Dies alles misslang ihm, obwohl er mit einer zweijährigen Vorlaufzeit und einem zusätzlichen Budget ausgestattet wurde, was beides die absolute Ausnahme bei einem Intendantenwechsel darstellt.

Mitarbeiter*innen und Mitglieder*innen des Ensembles der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin feiern in der «Kleinen Philharmonie» anläßlich der letzten Aufführung von Frank Castorfs Inszenierung von Johann Wolfgang von Goethes «Faust» im Rahmen des Theatertreffens 2018 am 8. Mai 2018.<br /> V.l.n.r.: Valery Tscheplanowa, unbekannt, Lilith Stangenberg, unbekannt, Alexander Scheer und Martin Wuttke | Foto: Norbert Bayer
Mitarbeiter*innen und Mitglieder*innen des Ensembles der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin feiern in der «Kleinen Philharmonie» anläßlich der letzten Aufführung von Frank Castorfs Inszenierung von Johann Wolfgang von Goethes «Faust» im Rahmen des Theatertreffens 2018 am 8. Mai 2018.
V.l.n.r.: Valery Tscheplanowa, unbekannt, Lilith Stangenberg, unbekannt, Alexander Scheer und Martin Wuttke | Foto: Norbert Bayer

Dercons Zeit in Berlin war zwar ab April Geschichte, doch der von ihm herbeigeführte Strukturwandel an der Volksbühne ist bis heute zu spüren: Die Auflösung des Ensembles, die Umwandlung von Produktions- in Marketingstellen und finanzielle Fehlplanungen durch angebliche Sponsorengelder in Millionenhöhe führten das Stadttheater an den Abgrund.

Die Stars der alten Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz reüssieren derweil nicht nur an den anderen Berliner Bühnen, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum und bekommen weiterhin die angesehensten Theaterpreise verliehen. Chris Dercon darf ab 2019 am Grand Palais in Paris wirken – das allerdings von Ende 2020 bis Frühjahr 2023 saniert und dessen Programm deshalb lediglich in erheblich geschrumpfter Form zu kuratieren sein wird.

Eine noch kürzere Version des Textes ist bei ZEIT ONLINE erschienen. 

Die Skulptur «Räuberrad» von Bert Neumann aus dem Bühnenbild der Inszenierung von «Die Räuber» von Frank Castorf an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz nach der Restaurierung bei ihrer Wiederinstallation auf dem Platz vor dem Theater am 24. September 2018. | Foto: Norbert Bayer
Die Skulptur «Räuberrad» von Bert Neumann aus dem Bühnenbild der Inszenierung von «Die Räuber» von Frank Castorf an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz nach der Restaurierung bei ihrer Wiederinstallation auf dem Platz vor dem Theater am 24. September 2018. | Foto: Norbert Bayer