„Discreet“ von Travis Mathews | Foto: Deias & Ideias Produções Artisticas
Sound & Vision, Visual & Iconic

Reise an die Ränder des Geschehens

In Travis Mathews’ Film «Discreet» ziehen Traumata, die von sexueller Gewalt und Alt-Right-Einstellungen herrühren, weite Kreise bei den Opfern.

Fett brutzelt der Bacon zu Beginn von Travis Mathews neuem Film «Discreet» in der Pfanne. Im Lauf des Films wird sich herausstellen, dass der umherziehende Alex (gespielt von Jonny Mars) ihn für seinen früheren Vergewaltiger John (Bob Swaffer), der jetzt Pflegefall ist, zubereitet. Viel ist passiert seit seiner Jugendzeit, man erfährt es aus den disparaten Schnipseln, die der Regisseur uns in klar strukturierten Bildern liefert.

Alex, der in seinem Van umher zieht und die von der Moderne geprägte amerikanische Landschaft mit ihren Autobahnen und Brücken in glatten Bildern abfilmt, erfährt erst Jahrzehnte später von seiner alkoholabhängigen Mutter, dass sein Vergewaltiger noch lebt. Sie hatte ihm erzählt, dieser sei tot, in der Hoffnung, er könne seine Missbrauchserfahrung besser hinter sich lassen. Doch leider ist dies nicht derart einfach und Alex leidet noch immer an posttraumatischen Belastungsstörungen. Er findet in den Videos von Mandy (Atsuko Okatsuka) und ihres Unternehmens «Gentle Rythms» Zuspruch, in denen sie mit ihrer zarten, über absurde Geräusche gelegten Stimme positive Banalitäten wispert, wie z.B.: «It’s o.k., it’s gonna be o.k.».

Aufgrund seines neuen Kenntnisstands möchte er jedoch endlich alles komplett verarbeiten und fährt zu seinem Vergewaltiger, einem mittlerweile wehrlosem Greis, gibt sich dem Betreuer gegenüber als Verwandter aus und zieht bei ihm ein. Er nimmt seine Heilung selber in die Hand und konfrontiert sich mit dem Ort des Geschehens und damit seiner eigenen Geschichte. Durch die fehlende professionelle Hilfestellung und Rachetaktiken wird er nun selbst mehrfach zum Täter.

In Travis Mathews‘ «Discreet» wird John (Bob Swaffar) von seinem Missbrauchsopfer Alex (Jonny Mars) gefüttert. | Foto: Deias & Ideias Produções Artisticas

In Travis Mathews‘ «Discreet» wird John (Bob Swaffar) von seinem Missbrauchsopfer Alex (Jonny Mars) gefüttert. | Foto: Deias & Ideias Produções Artisticas

Durch seine experimentell umgesetzte und streckenweise nur andeutungsweise vorhandene Handlung bleibt dem Zuschauer zum Glück das Brutalste erspart. Der Film ist in einer klaren Bildsprache arrangiert, die in ihren Szenen nichts verschleiert. Dafür arbeitet sich der Film an seiner Montage der Szenen und der komplexen Fügung von Sound und Bildern ab. Dabei wäre weniger Experiment und etwas mehr Konventionalität oft auch mehr gewesen. Der Film wirkt streckenweise sehr «artsy» und durch seine Fokussierung auf sehr wenige Darsteller, von denen selten mehr als zwei im Bild zu sehen sind und ziemlich wenig gesprochen wird, eher für eine Videoinstallation als fürs Kino gemacht. Das auf Suspense angelegte Sounddesign wirkt teilweise überdosiert und trägt gelegentlich zu einer unfreiwilligen, surrealen Komik bei, die dem Film nicht gut tut, z.B. wenn dauernd Telefone klingeln und entweder niemand dran ist oder schon niemand mehr abnimmt. Gegen Ende wird der Film zu seinem Vorteil wieder etwas stringenter und ein Plot ist wieder mehr als nur erahnbar. Dabei bleibt der Film aber immer schmerzhaft neutral und man wünscht sich an vielen Stellen mehr Anteilnahme für die Figuren oder eine eindeutige Positionierung des Regisseurs.

Travis Mathews, der Regisseur des Films «Discreet» | Foto: Martin Perry

Travis Mathews, der Regisseur des Films «Discreet» | Foto: Martin Perry

Travis Mathews’ Absicht war es aber gerade, seine Präsentationsform in einen dystopischen und desillusionierenden Film münden zu lassen, sagt er, und er zeigt eine Gesellschaft, in der die unterdrückten Gefühle zu einer Grundtraurigkeit mutieren, anstatt Prozesse in den Menschen in Gang zu setzen oder Hoffnungen für sie zuzulassen. Sie leiden still und eben diskret in einer Welt, die Mathews letztes Jahr bei den Dreharbeiten in der Prä-Trump-Ära noch für ein vorübergehendes Phänomen gehalten hatte. Mittlerweile sind wir jedoch in den Zeiten der erstarkenden Alt-Right-Bewegung mit ihren ultra-konservativen Fürsprechern angekommen, die sich in ihrer neu erlangten Macht immer weiter entfalten und alle diejenigen in einen Angstzustand versetzen, die nicht in deren Weltbild passen. Und die sich – gerade wie in den hier im Film dargestellten ländlichen Gegenden von z.B. Texas –, wieder gezwungen fühlen, unterzutauchen, unerkannt zu bleiben und sich selber aus der Gesellschaft auszuschließen, wie z.B. Homosexuelle, Menschen mit Migrationshintergrund und alle, die sich nicht in die durchschnittliche Norm fügen können oder wollen.

Es bleibt ihnen nur noch, sich in den Randgebieten des gesellschaftlichen Raums zu treffen, um dort die Effekte ihrer unterdrückten seelischen Wunden, die von ihren durch andere auferlegten Stigmatisierungen herrühren, auszuagieren. Noch nicht einmal die alten Rückzugsorte von heimlich ausgelebter Sexualität, wie Pornokabinen oder Motelzimmer, können in diesem Setting Schutzräume sein, wenn Alex z.B. schwule Sex-Dates von Unbekannten organisiert, um sie dann zu bestehlen. Zwar sind die rechtsgerichteten Meinungsführer nie explizit filmisch dargestellt, aber ihre einengende Macht schwingt im Hintergrund ständig mit, wenn z.B. im Radio Konservative ihre Menschen verachtenden Parolen von sich geben.

Travis Mathews ist u.a. dadurch bekannt geworden, dass er zusammen mit James Franco im Film «Interior. Leather Bar.» versuchte, die fehlenden 40 Minuten des Klassikers «Crusing» von 1980 zu rekonstruieren. Davor drehte er eine dreiteilige Reihe «In Their Room» in den Städten San Francisco, Berlin und London, in der Mitglieder der LGBTI-Szene in ihren Schlafzimmern mit ihren Träumen, Sehnsüchten und Ängsten porträtiert werden.
Wer das Empowerment dieser Filme vermisst oder gar das wohlige Kribbeln eines «Autonomous Sensory Meridian Response», wie jenes, das durch die Audio-Stimulationen von Mandys Videos ausgelöst wird, sucht, ist in diesem Film falsch. Der gesellschaftliche Wind hat sich gedreht – Grusel und Erschauern sind angesichts der politischen Lage im Jahr 2017 angesagt und ziehen in den Protagonisten als psychologische Wellen nicht nur oberflächlich weite Kreise.

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