Jens Lekman | Foto: Ellika Henrikson
Linguistic, Sound & Vision

Don’t call it a comeback!

Der Junge mit Liedern so sanft wie Gänseblümchen unter dem Arm: Jens Lekman

Jens Lekman – er war bei mir fast schon aus dem Gedächtnis verschwunden und unter «Smells like 30-something-spirit» abgelegt – hat soeben sein neues Album «Life Will See You Now» veröffentlicht. Der scheinbar alterslose Schwede aus Göteborg, der zwischenzeitlich nach Australien ausgewandert war, beschenkte uns in den späten Nuller-Jahren mit zarten Songs – v.a. seinem Album «Night Falls Over Kortedala» –, bei denen es sich besonders lohnte, auf die Texte zu hören und mit denen er die Ohren fest versiegelte und die Herzen öffnete.

Diesmal hat er sich nicht auf seine Qualitäten als Sänger zu minimalistischen Gitarrensound beschränkt, sondern seine Songs mit elektronischen Sounds unterlegt. Kommt beim ersten Hören erstmal neu und vielleicht auch ein bisschen befremdlich vor, aber es klingt wunderbar – warum auch nicht? Oder anders gefragt: Warum eigentlich nicht schon viel früher? Und so aufdringlich elektronisch ist es sowieso nicht durchweg produziert; es startet knallig und rollt sanft aus. Allzuviel hat sich also zum Glück nicht verändert – manchmal sind Konstanten doch beruhigend. Besonders schön: Die Saxophone in «How We Met, The Long Version». Yeah! «Wedding in Finistere» erinnert an den Sound von Paul Simons’ «Graceland». Bingo!

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Julia Zange | Foto: Christian Werner/Aufbau Verlag
Linguistic, Performative

Ganz. Dicht. Dran.

Julia Zanges Roman «Realitäts­gewitter», Instagram und das bisschen Welt dazwischen

Bei der Lesung von Julia Zange aus ihrem Buch «Realitäts­gewitter» in der Buchhandlung im Aufbauhaus machte ich ein Foto von ihr am Pult mit der seitlichen Aufschrift «Kleines Format – große Geschichten» und stellte es gleich danach auf Instagram. Am nächsten Tag wurde mein Foto vom Aufbau Verlag, bei dem das Buch ein paar Tage zuvor erschienen war, gerepostet und man sieht jetzt deshalb auf seinem Account mein kleines Portrait links unten ins Foto einmontiert. Am selben Abend übernahm Julia Zange den Instagram-Account des ZEITmagazins, mit dem sie mein Photo von ihr likete und ich daraufhin ebenso ihr Selfie. Mit dem Slogan «Wenig Sex, viel iPhone» wird das Leben der Protagonistin des Romans in der Ankündigung prägnant zusammengefasst – warum sollte man darüber in einem Buch lesen?

«Realitätsgewitter» ist das zweite Werk der jungen Autorin, das der Verlag mit der ambi­valenten Empfehlung Maxim Billers anpreist: «Das kann nur Julia Zange: Alle zehn Jahre ein Buch schreiben, das man nicht mehr ver­gisst!» Das soll wohl bedeuten, dass das Buch gut ist, und nicht etwa, dass jede*r andere 150 fast schon in Groß­druck gesetzte Seiten innerhalb kürzerer Zeit vorlegen könnte oder man das Buch aus ärger­lichen Gründen nicht mehr vergisst. Dass es vom ersten zum zweiten Buch so lange dauerte, liegt vermutlich auch daran, dass Julia Zange eine vielbeschäftigte Frau ist: Wer mit Büchern nichts am Hut hat, hat sie vielleicht bereits als Schau­spielerin gesehen, z.B. in den Video­arbeiten von Britta Thie. Oder kennt sie aus dem Tatort, wo sie Anfang November die kindliche Mörderin spielen durfte. Bald ist sie in einem Film von Philip Gröning zu sehen. Nebenbei arbeitet sie als Redak­t­eurin bei L’Officiel und schreibt darüber hinaus noch für andere Magazine. Also alles kein Wunder.

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Vesuvio Solo aus Montréal | Foto: Michael James/Atelier Ciseaux Records
Performative, Sound & Vision

Im Gleichklang durch Gefühle schweifen

Vesuvio Solo aus Montréal nehmen uns mit auf eine Spritztour durch Soft-Rock und Sophisticated Pop, um der Dunkelheit zu entkommen. Springen wir auf und lassen wir uns beflügeln!

Zeit ist schon etwas Merkwürdiges: Wir sind zwar ständig mit ihr konfrontiert und bewegen uns immer in ihr, aber können sie letztendlich doch nicht wirklich erfassen. Erst wenn wir uns freiwillig oder unfreiwillig verändern, um uns herum etwas abläuft – und sei es nur, dass im Herbst die Blätter fallen – oder wir uns von der Stelle bewegen und sich dadurch unsere Horizonte und Grenzen verschieben, können wir uns ihrer bewusst werden.

Musterbeispiele dafür: Die Reise. Das Unterwegssein. Und beides wollen wir zwar gelegentlich, aber dann doch lieber: nicht alleine. Die Band Vesuvio Solo aus Montréal, gegründet von Thom Gillies und Cam MacLean, die seit ihren Teenagertagen zusammen Musik schreiben, holt uns deshalb ab und nimmt uns ganz einfach mit auf eine kleine Spritztour.

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Evripidis Sabatis of «Evripidis and His Tragedies» | Foto: Daniel Riera
Interview, Linguistic, Performative, Sound & Vision

«Through pain I learned to be more empathic with other people, I learned to forgive, I learned to let go, I learned to heal myself.»

Singer-songwriter Evripidis Sabatis of «Evripidis and His Tragedies» from Barcelona, who has just released his third album «Futile Games In Space And Time» speaks about teenage dramas, queer love, his roots and his ambitions and explains what he likes and dislikes about Berlin.

Norbert Bayer: Hello Evripidis! Are you ready?

Evripidis Sabatis: Yes, I am.

Where are you right now?

At home, in the district of Poble Nou in Barcelona. I have many plants, drawings and books around me. Outside the window there is a patio full of plants, some of them quite huge.

Are you home a lot or always on the run between different places?

I used to be on the run for years, never resting, but now I am well installed in Barcelona, finally at a place I can call home. So nowadays I like spending a lot of time indoors.

Which means that you’re more up to futile games in time now than in spaces?

I believe that right now I might be playing a game that is not futile, at least not as futile as other ones I have been engaged to… ’Cause at the end of the day we all going to perish, right?

That’s right.

My point of view in things remains the same anyway – everything is futile and every experience is necessary and valuable.

But nevertheless in the song «15 Again» from your new album «Futile Games In Space And Time» you refer to the dream of wanting to be a teenager again. Did you have a happy time as teenager?

As a teenager I had a mixed time: Sometimes I felt utterly miserable and alienated and ugly, sometimes it was pure fun. The song is not about wanting to be a teenager again, it is about feeling things in the intense, hormone-fueled way that teenagers do, with all the buzzing and the drama.

Do you think that works the same way for gay people? Or are you idealizing here? GLBTI-teenagers are still more suicidal than others, for example.

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Die Band „Golf“ aus Köln | Foto: Landstreicher Booking
Performative, Sound & Vision

Hipness & Hotness

Planschen in Sommersounds – dieses Jahr unbedingt mit Golf aus Köln. Schwimm einfach mit!

«Irgendwie könnte ein bisschen Boy-Glamour nicht schaden.»
«Wie meinst du das jetzt? In deinem Leben?»
«Sehr witzig. Naja, es gibt da diese Band, Golf
«Golf?! Wie der Sport?»
«Hmm… vielleicht auch eher wie das Auto. Oder der warme Golfstrom… Jedenfalls sind das vier Jungs aus Köln…»
«… ist ja schon mal originell!»

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Schorsch Kamerun | Foto: Christoph Voy/Ullstein Buchverlage
Linguistic, Performative, Sound & Vision

Schenkt dir das Leben Zitronen – dann mach «Anarckeey» daraus!

Schorsch Kamerun, das Hamburger Allround-Talent zwischen Musik und Theater und außerdem Mitbegründer des Golden Pudel Clubs, legt nun sein Buch Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens vor.

Vom unscharfen Coverfoto seines Buchs Die Jugend ist die schönste Zeit des Leben grüsst uns Schorsch Kamerun mit dem Kopf nach unten hängend; seine Augen und sein Mund sind beide in die aufrechte Richtung darauf kollagiert. Sein Mund liegt somit über seinen Augen: Will er damit ausdrücken, dass bei ihm die Botschaft über dem Bild und der Geist über dem Image steht? Zumindest purzeln bereits hier die individuellen Elemente im Gesichtsfeld durcheinander und Zusammenhänge werden in Frage gestellt.

Er trägt einen Strickpullover mit klassisches Argyle-Muster: Ein leicht abgewetzter Look aus zweiter Hand zwischen bieder und preppy, der mit seinen bunten Rauten auf Weiß auch einen Hauch von Arlecchino-Figur der Commedia dell’Arte in sich trägt. Wie ein Harlekin schlüpft Kamerun gerne in verschiedene Rollen – die des Biedermanns gehört erfreulicherweise definitiv nicht dazu. Lieber möchten Schorsch Kamerun und auch sein biographisch inspiriertes Alter Ego Tommi from Germany wie Trickster-Figuren die künstlerischen und politischen Bedingungen durcheinanderwirbeln: Mal ist er als Musiker, z.B. mit seiner Band Die Goldenen Zitronen, dann als Clubbetreiber oder Theatermacher unterwegs und nun eben als Autor.

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Stereo Total aus Berlin sind Brezel Göring und Françoise Cactus
Interview, Performative, Sound & Vision

«Ich schreibe meine Lieder nie nach Botschaften – ich schreibe meine Lieder nach Ideen!»

Françoise Cactus und Brezel Göring von Stereo Total im Interview über ihr neues Album Les Hormones, Rebellion, Schönheitsprobleme und Zufälle beim Kennenlernen.

Norbert Bayer: Liebe Françoise, lieber Brezel, zählt ihr eure Alben eigentlich noch oder habt ihr schon damit aufgehört?

Françoise Cactus: Es hängt davon ab, wie man das zählt. Also ist das jetzt das 10. oder das 12. offizielle Ding?

Brezel Göring: Also ich glaube, offiziell das zwölfte, aber inoffiziell wahrscheinlich schon 20. oder 26.

Euer neues Album heißt ja Les Hormones. Wo ist denn die Miss Rébellion des Hormones vom Album Paris Berlin geblieben – habt ihr sie rausgeschmissen?

FC: Ah ja, stimmt, Les Hormones ist immer ein Lieblingsthema von mir gewesen, schon damals. Hier kannst du Les Hormones sehen. (Sie zeigt eine Postkarte mit dem Cover von ihrem Hörspiel Autobigophonie.) Das sind die Jungs aus meinem Dorf, das waren meine Kumpels, als ich Teenager war und wir haben auch Musik zusammen gehört und dann hat jemand gesagt: «Oh, wir machen eine Band, wir machen eine Band!»

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Ronja von Rönne | Foto: Carolin Saage
Linguistic

So kommen wir zu nichts, oder?

Ronja von Rönnes Roman Wir kommen serviert Selbstzerfleischung und Selbstmitleid. Mit einem Schuss Entertainment.

Ein 40-something interessiert sich gerne wieder für junge literarische Stimmen, vielleicht weil er in komplett naiver Erwartung hofft, dass das Leben oder die Figuren im Roman einer Autorin in ihren Zwanzigern frischer und kraftvoller als er selber sein könnten und ihr Buch deshalb erheiternd und energetisch auf sein aktuelles Lebensgefühl  – kurz vor der Midlife-Crisis – wirken müsste.

Eine zu eben jener Gemütslage und Hoffnung passende Jungautorin ist Ronja von Rönne, die 2015 durch einen Beitrag über den Feminismus in den Fokus rückte und kurz danach bereits zur Teilnahme am Lese-Wettbewerb in Klagenfurt eingeladen wurde. Soeben hat sie ihren ersten Roman Wir kommen veröffentlicht, der im Aufbau Verlag erschienen ist.

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