Miranda July | Foto: Joshua Barash/WehoCity
Linguistic, Performative, Sound & Vision

«You think you have deserved the pain – but you don’t.»

Miranda July erzählt in ihrem Roman Der erste fiese Typ von Gewalt in Beziehungen und Wegen der Befreiung – dabei greift sie auf ihre Erfahrungen aus der Performance-Kunst zurück. 

Der Globus Hystericus – vulgo: der Kloß im Hals – ist ziemlich genau das was einen befällt, wenn man vor Miranda July steht, um ein Buch signieren zu lassen, oder auch dann, wenn man versucht, einen Text über sie und ihr neues Buch The First Bad Man (in der deutschen Ausgabe Der erste fiese Typ) zu schreiben. Wo soll man nur anfangen – was wurde nicht schon alles geschrieben?

Die Multi-Genre Künstlerin Miranda July aus L.A., die zunächst als Performance-Künstlerin startete und 2005 mit dem Film Me and you and everyone we know die Caméra d’Or beim Film Festival in Cannes gewann, wurde einem breiteren Publikum mit ihrer Kurzgeschichtensammlung No One Belongs Here More Than You bekannt, die in deutsch 2008 unter dem nietzscheanischen Titel Zehn Wahrheiten erschien. Anfang 2015 veröffentlichte sie dann – nach einem weiteren Film, der auf einem vorhergehenden Buch beruhte, und diversen visuellen und textbasierten Kunstwerken, u.a. mit einer Beteiligung an der Biennale in Venedig 2011 – ihren ersten Roman Der erste fiese Typ, den sie nun in Deutschland und der Schweiz auf Lesereise präsentierte.

Aber worum geht es nun in ihrem neuesten Buch? Es geht zum einen um eben jenen Globus Hystericus, unter dem die Protagonistin Cheryll krankhaft leidet und der sie dazu verleitet, eine mysteriöse Farbtherapie zu beginnen, und der somit einen der Handlungsstränge ins Rollen bringt. Zum anderen geht es um die Erfahrung persönlicher Erniedrigungen innerhalb von Beziehungen, wie die Protagonistin sie erlebt und wie sie durch deren Überwindung sie zu neuer Vitalität und eigenständigem Handeln findet. Ja, das ist streckenweiße äußerst anstrengend zu lesen und dennoch nimmt einen Julys pointierte Sprache und die überzeugende Modellierung ihrer Charaktere gefangen.

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Ingeborg Bachmann Wettbewerb, Nora Gomringer, Klagenfurt, Bamberg, Bamberger Reiter, Bamberg, UNESCO
Linguistic, Performative

Kein Bedauern in Bamberg

Nora Gomringer gewinnt in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Wenn sich die CSU durchgesetzt hätte, dann käme die diesjährige Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises aus der deutschen Hauptstadt. Oder besser gesagt: aus der ehemaligen deutschen Hauptstadt. Hat die CSU damals nach dem Krieg aber nicht und so wurde Bonn die Hauptstadt Westdeutschlands und leider nicht Bamberg. Die Urkunde hängt nun trotzdem dort. Noch ein Glas Champagner nach der Preisverleihung? Leider nein – der «Germanisten-Porno», wie Nora Gomringer den Wettbewerb nennt, ist nun erstmal vorbei für sie. Sie hatte einfach keine Lust auf Feiern und so reiste das «Team Gomringer», bestehend aus ihren beiden Verlegern, ihrer Assistentin, ihrer Mutter und ihrem Freund, gleich nach der Preisverleihung aus Klagenfurt ab und kam um halb fünf Uhr morgens in Oberfranken an.

Auf den ersten Blick scheint die Urkunde leicht zerknittert, aber bei genauerem Hinsehen – wenn sich der Blick endlich von dem überproportionalen Siegelring, der an einem italophil-trikolore-farbenen Bändchen prangt und in vertikaler Hängung vermutlich die Urkunde schön nach unten zieht und in Stücke reißt – entpuppen sich die schattierten Linien dann leider doch als simpler Designunfall. Aber zumindest zeigt uns dieses Bild: Nora Gomringer ist zurück in der Stadt, in der sie das Stipendiatenhaus Villa Concordia leitet. Eigenbewerbung für ein Stipendium dort möglich? «Leider n e i n», denn das Kuratorium will die Künstler laut Website mit der Vergabe für erfolgreiches Schaffen auszeichnen. Zumindest das hat diese Einrichtung mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis gemeinsam, bei dem die den Preis vergebenden Kritiker die vorlesenden Autoren einladen und Nora Gomringer in einem Live-Wettbewerb, wie es auch die Poetry-Slams sind, aus deren Szene sie kommt, gegen die anderen gewann.

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