Stierblut im Prenzlauer Berg Berlin | Illustration: Norbert Bayer
Archeological & Archival

DDR, aber Fete: Mit Mode­mädchen und Party­prominenz durch Ost-Berlin

Jutta Voigt schreibt in ihrem Buch «Stierblutjahre» die Geschichte der DDR-Boheme und nimmt uns mit in Bars und Cafés, die mittlerweile Vergangenheit sind. In ihren aufgezeichneten Erinnerungen bleiben der Zeitgeist und der Esprit ihres Milieus packend frisch und temperamentvoll lebendig. 

Beim Blick zurück auf die Zeit der Teilung hat Ost-Berlin in den geläufigen Darstellungen meistens einfach nur trist zu sein. Bunt allerhöchstens in ausgewählten DDR-Farben. Geschichten über diese Zeit sind so genannte «Ossi»-Komödien à la «Good-bye Lenin» oder mit Pathos behaftet wie «Das Leben der anderen» – dazwischen noch ein bisschen «Weissensee».

Mit diesen Klischees räumt Jutta Voigt in ihrem neuen Buch «Stierblutjahre – Die Boheme des Ostens», das soeben im Aufbau Verlag erschienen ist, auf. Sie blickt darin zurück auf die Künstler- und Bohemeszene Ost-Berlins, in der sie sich selber bewegte. Das Szeneleben in der DDR war ganz bestimmt nicht monoton und fad, wenn man ihrem Buch Glauben schenkt. Besonders dann nicht, wenn internationale Stars wie Françoise Sagan vorbei kamen, um «Bonjour» zu sagen. Ihr Buch enthält persönliche Erinnerungen an die Partykultur in den Klubs und Bars der Hauptstadt der DDR und inszeniert deren Lokalitäten als Bühne für ihre Protagonisten: die In-Crowd und das Partyvolk des Nachtlebens. «Stierblut» war der in der DDR am weitesten verbreitete Rotwein, der aus Ungarn stammte, womit bereits ein wesentlicher Kitt dieser Szene benannt ist, der sie zusammen hielt: Der Alkohol.

Continue reading

Standard
Stella Geppert: «Arbusti - Moving Studies & Homeopathic Interventions», Full HD, Loop 10 min, Venedig, 2014 / 2015
Interview, Performative, Sound & Vision, Spacial

«Für mich haben Gespräche architektonische Formen.»

Die Künstlerin Stella Geppert entwickelt in ihren Arbeiten raumbezogene und performative Konzepte und Installationen.
Mit Norbert Bayer sprach sie über ihre neuesten Arbeiten, demokratisches Handeln und ihre Träume. 

Stella Geppert zieht sich zu Beginn des Gesprächs den Kapuzenpullover über. Beim Überziehen des Pullovers rutscht ihr die Sonnenbrille, die sie in den Haaren trug, auf die Nase.

Stella Geppert: (lacht) Wie Sie sehen, kann ich mit dem Anziehen eines Kapuzenpullovers gleichzeitig meine Sonnenbrille auf die Nase stülpen.

Norbert Bayer: Sehr gut! Könnte das bereits eine Ihrer Performances sein?

Das ist für mich zunächst einmal eine Inspiration, aus der eine Intervention hervorgehen könnte.

Und was macht für Sie eine Intervention aus? Worin unterscheidet sie sich von der Performance oder dem Happening?

Also mit Happenings – ich bin zwar happy – aber mit Happenings hab ich nicht so viel am Hut. Für eine ortsspezifische Arbeit bedarf es eines langen Recherchevorlaufs. Gute Interventionen von mir sind hingegen aus dem Zufall heraus entstandene Situationen. Meine Objekte sind immer aus Situationen und Handlungen heraus entstanden, denn es gibt für mich keinen Gestaltungsprozess, der losgelöst wäre von alltäglichen Handlungen.

Continue reading

Standard
Elizabeth Price: „The Woolworths Choir of 1979" (2013), video still | © Elizabeth Price 2013
Performative, Sound & Vision, Spacial

Fire In The Choir

Elizabeth Price, in den 1980ern Teil der Band Talulah Gosh, zeigt ihre mit dem Turner Prize prämierte Videoarbeit in Berlin. Architektur und die mit ihr verknüpften Strukturen und Gesten sind nur einige der Themen, die darin verhandelt werden. Absolut gewinnbringend anzusehen!

Man kann natürlich einfach der Künstlerin Elizabeth Price Glauben schenken, wenn sie von ihrer Arbeitsweise behauptet, ihr Hauptinteresse gelte «der Frage nach der Eigenständigkeit von Bildern und Tönen und dem Wesen der Konventionen, durch die beides miteinander in Beziehung gebracht wird.» Aber man muss sich damit nicht unbedingt zufrieden geben, denn diese Platitüden können zum Glück das Wesen ihrer Arbeiten noch lange nicht erfassen oder gar erschöpfend behandeln – zumindest nicht das der aktuell im Showroom des n.b.k. in Berlin ausgestellten Videoarbeit The Woolworths Choir of 1979, mit der sie 2012 den Turner-Prize gewann. Schließlich verschränkt sie in dieser komplexen Arbeit nicht weniger als: Architekturfotografie, Pläne und 3D-Renderings von Chorräumen gotischer Kathedralen mit deren Aufbau und Dekor; verfremdete Aufnahmen der Girl-Band Shangri-Las aus den 1960ern, die mit Out in the Street auch den betörenden und an Choräle erinnernden Soundtrack zur Videoarbeit liefern, und Archivmaterial vom Brand einer Woolworth-Filiale in Manchester im Jahr 1979, bei der etliche Menschen ums Leben kamen.

Das mag sich als Konzept zunächst etwas bemüht und angestrengt oder gar anstrengend anhören, ist es aber absolut nicht. Denn Price weiß um die Kraft von Harmonien und um die Catchyness von Rythmisierungen, was deutlich auf die Produktion des Videos The Woolworths Choir of 1979 durchschlägt: Es ist visuell durch Splitscreens und animierte Texteinblendungen und akustisch durch Schnipsen und Klatschen temporeich strukturiert und akzentuiert. Price kann dabei auf ihr Wissen aus ihrer früheren Musikkarriere zurückgreifen, denn sie war in den 1980ern Gitarristin und Backgroundsängerin der Band Talulah Gosh aus Oxford. Die Band gilt als Hauptvertreterin des Twee-Pop und obwohl ihr komplettes Werk auf eine CD passt, war es äußerst einflussreich für der Independent-Musikszene nicht nur Großbritanniens, sondern auch für die spätere Riot Girl-Bewegung in den U.S.A. der 1990er. 1986 erschien ihre erste Single, und vielleicht ist das 30-jährige Jubiläum nun der Anlass für diese Ausstellung im Jahr 2016.

Continue reading

Standard
Julian Rosefeldt: „Manifesto“, 2014/2015 | © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Performative, Sound & Vision

Manifesto, ergo sum.

Der Künstler Julian Rosefeldt inszeniert in seiner Ausstellung Manifesto die Schauspielerin Cate Blanchett – und sein Ego mit dazu. Das Konzept bleibt dabei zwar auf der Strecke, aber das macht nichts.

Stell dir vor, du bist Künstler und wie es der Zu­fall will, wirst du einer der erfolgreichsten Schau­spielerinnen deiner Zeit vorgestellt. Sie findet dich sympathisch, bietet dir ihre unent­geltliche Zu­sam­menarbeit an und fordert dich auf, dich mit einer Projektidee zu melden. Über zwei Stun­den Film, das ist doch etwa nicht zu viel von ihr verlangt. Oder? Und je größer du planst, desto mehr Co-Produzenten kannst du mit ins Boot holen, denn – hey – du arbeitest ja schließlich mit Cate Blanchett zusammen.

Ob dies die Gedankengänge des Künstlers Julian Rosefeldt waren, die in die Ausstellung Manifesto mündeten, weiß man nicht, aber zumindest werden die äußeren Um­stände dieses Mär­chens offiziell so vom Künstler und dem Museum Hamburger Bahn­hof ver­breitet. Dort ist das Ergebnis seiner Zusammenarbeit mit Cate Blanchett bis Juli zu sehen, bevor es auf weiteren Sta­tionen zu den anderen Geldgebern reist, deren vollständige Auf­listung den be­scheidenen Rahmen hier sprengen würde.

Continue reading

Standard
Peter Fischli and David Weiss: «Eine Ansammlung von Gegenständen», Sprüth Magers, Berlin
Archeological & Archival

«Die Tiefe muß man verstecken. Wo? An der Oberfläche»

Ausgraben, Ansammeln und Archivieren als künstlerische Praktiken

Künstlerische Kreativität und Schöpfungswille als alleiniger Ursprung eines Werkes und Anstoß zur materiellen Manifestation einer Idee, die vorher nur immateriell in der Gedanken­welt eines Menschen existierte – und am besten noch durch den sinnlichen und körper­lichen Kuss einer Muse zum Leben erweckt wurde – diese Art und Weise, Neues in die Welt zu bringen, scheint für viele nur noch als idealisierte Wunschvorstellung in den Köpfen einiger nostalgischer Träumer zu existieren.

Spätestens seit Marcel Duchamp mit der simplen – und wie manche behaupten darüber hinaus surrealen – Geste, ein seriell hergestelltes und für die vertikale Aufhängung be­stimmtes Industrieprodukt in die Horizontale umzulegen, zu betiteln und zu signieren, um so neue Bedeutungsebenen zu schaffen, darauf verzichtet hat materiell Neues zu pro­duzieren, kommt dem Künstler eine andere Rolle als bis dahin allgemein üblich zu: Er scheint sich in derartigen künstlerischen Praktiken von der Rolle des Schöpfers von materiellen Artefakten zu lösen und eher in die eines intellektuellen Urhebers zu wechseln, der u.a. mit parawissenschaftlichen Methoden die materielle Welt erkundet. [2] Dies kann wie im oben genannten Beispiel durch das Auslesen von Zeichen und eine semantische Neudeutung zur Aufdeckung der Arbitrarität des Forschungsgegenstandes geschehen, der im Fall von Duchamps Fountain eigentlich zum absaugen von Abwasser produziert wurde und nun potentiell durch Ausspucken von Flüssigkeiten zur Quelle wird, oder wie bei den 3 stoppages étalon, bei denen ein vom Künstler gesetzter Versuchsaufbau durch eine serielle, empirisch arbeitende Forschungsarbeit unterschiedliche visuelle Ergebnisse auswirft, die dann zum eigentlichen Werk weiter verarbeitet werden können.[3]

Continue reading

Standard