„Discreet“ von Travis Mathews | Foto: Deias & Ideias Produções Artisticas
Sound & Vision, Visual & Iconic

Reise an die Ränder des Geschehens

In Travis Mathews’ Film «Discreet» ziehen Traumata, die von sexueller Gewalt und Alt-Right-Einstellungen herrühren, weite Kreise bei den Opfern.

Fett brutzelt der Bacon zu Beginn von Travis Mathews neuem Film «Discreet» in der Pfanne. Im Lauf des Films wird sich herausstellen, dass der umherziehende Alex (gespielt von Jonny Mars) ihn für seinen früheren Vergewaltiger John (Bob Swaffer), der jetzt Pflegefall ist, zubereitet. Viel ist passiert seit seiner Jugendzeit, man erfährt es aus den disparaten Schnipseln, die der Regisseur uns in klar strukturierten Bildern liefert.

Alex, der in seinem Van umher zieht und die von der Moderne geprägte amerikanische Landschaft mit ihren Autobahnen und Brücken in glatten Bildern abfilmt, erfährt erst Jahrzehnte später von seiner alkoholabhängigen Mutter, dass sein Vergewaltiger noch lebt. Sie hatte ihm erzählt, dieser sei tot, in der Hoffnung, er könne seine Missbrauchserfahrung besser hinter sich lassen. Doch leider ist dies nicht derart einfach und Alex leidet noch immer an posttraumatischen Belastungsstörungen. Er findet in den Videos von Mandy (Atsuko Okatsuka) und ihres Unternehmens «Gentle Rythms» Zuspruch, in denen sie mit ihrer zarten, über absurde Geräusche gelegten Stimme positive Banalitäten wispert, wie z.B.: «It’s o.k., it’s gonna be o.k.».

Aufgrund seines neuen Kenntnisstands möchte er jedoch endlich alles komplett verarbeiten und fährt zu seinem Vergewaltiger, einem mittlerweile wehrlosem Greis, gibt sich dem Betreuer gegenüber als Verwandter aus und zieht bei ihm ein. Er nimmt seine Heilung selber in die Hand und konfrontiert sich mit dem Ort des Geschehens und damit seiner eigenen Geschichte. Durch die fehlende professionelle Hilfestellung und Rachetaktiken wird er nun selbst mehrfach zum Täter.

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Izïa Higelin als Delphine und Cécile de France als Carole in „La Belle Saison – Eine Sommerliebe“ von Catherine Corsini | Foto: Alamode Film
Sound & Vision

The Summer of Love auf französisch? «La Belle Saison» d’amour!

Der Film La Belle Saison – Eine Sommerliebe von Catherine Corsini begleitet Izïa Higelin als Delphine und Cécile de France als Carole auf den Wegen ihrer Liebesbeziehung durch die politisch engagierten frühen 1970er Jahre in Frankreich.

Das trockene Land des Südens ermöglicht einen schnellen und federnden Schritt, der nach vorne strebt, während der schlammige Boden des Nordens durch eine langsamere und haftende Gangart die Menschen eher an sich bindet. So erklärt es im Film La Belle Saison – Eine Sommerliebe von Catherine Corsini, der 1971 in Frankreich spielt, die 23-jährige Delphine ihrer älteren Freundin und zukünftigen Geliebten Carole. Diese Ausführung umreißt gleichzeitig kurz und prägnant auch die beiden Charaktere und ihre daraus folgenden Handlungsmuster.

Delphine (gespielt von Izïa Higelin) ist im Norden Frankreichs auf einem Bauernhof aufgewachsen, also unter traditionell geprägten Geschlechtermodellen, die Frauen wenig eigenen Entscheidungsspielraum einräumten. Andererseits wurden sie durchaus als gleichberechtigt eingestuft, wenn es um die Einbindung in die Verrichtung der täglichen Arbeiten in der Landwirtschaft ging. Dies führte aber nicht dazu, dass sie aufgrund ihrer Leistungen für sich gleichzeitig auch daraus abgeleitete Rechte, wie eigenes Gehalt oder Krankenversicherung, eingefordert hätten.

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