Julia Zange | Foto: Christian Werner/Aufbau Verlag
Linguistic, Performative

Ganz. Dicht. Dran.

Julia Zanges Roman «Realitäts­gewitter», Instagram und das bisschen Welt dazwischen

Bei der Lesung von Julia Zange aus ihrem Buch «Realitäts­gewitter» in der Buchhandlung im Aufbauhaus machte ich ein Foto von ihr am Pult mit der seitlichen Aufschrift «Kleines Format – große Geschichten» und stellte es gleich danach auf Instagram. Am nächsten Tag wurde mein Foto vom Aufbau Verlag, bei dem das Buch ein paar Tage zuvor erschienen war, gerepostet und man sieht jetzt deshalb auf seinem Account mein kleines Portrait links unten ins Foto einmontiert. Am selben Abend übernahm Julia Zange den Instagram-Account des ZEITmagazins, mit dem sie mein Photo von ihr likete und ich daraufhin ebenso ihr Selfie. Mit dem Slogan «Wenig Sex, viel iPhone» wird das Leben der Protagonistin des Romans in der Ankündigung prägnant zusammengefasst – warum sollte man darüber in einem Buch lesen?

«Realitätsgewitter» ist das zweite Werk der jungen Autorin, das der Verlag mit der ambi­valenten Empfehlung Maxim Billers anpreist: «Das kann nur Julia Zange: Alle zehn Jahre ein Buch schreiben, das man nicht mehr ver­gisst!» Das soll wohl bedeuten, dass das Buch gut ist, und nicht etwa, dass jede*r andere 150 fast schon in Groß­druck gesetzte Seiten innerhalb kürzerer Zeit vorlegen könnte oder man das Buch aus ärger­lichen Gründen nicht mehr vergisst. Dass es vom ersten zum zweiten Buch so lange dauerte, liegt vermutlich auch daran, dass Julia Zange eine vielbeschäftigte Frau ist: Wer mit Büchern nichts am Hut hat, hat sie vielleicht bereits als Schau­spielerin gesehen, z.B. in den Video­arbeiten von Britta Thie. Oder kennt sie aus dem Tatort, wo sie Anfang November die kindliche Mörderin spielen durfte. Bald ist sie in einem Film von Philip Gröning zu sehen. Nebenbei arbeitet sie als Redak­t­eurin bei L’Officiel und schreibt darüber hinaus noch für andere Magazine. Also alles kein Wunder.

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Stierblut im Prenzlauer Berg Berlin | Illustration: Norbert Bayer
Archeological & Archival

DDR, aber Fete: Mit Mode­mädchen und Party­prominenz durch Ost-Berlin

Jutta Voigt schreibt in ihrem Buch «Stierblutjahre» die Geschichte der DDR-Boheme und nimmt uns mit in Bars und Cafés, die mittlerweile Vergangenheit sind. In ihren aufgezeichneten Erinnerungen bleiben der Zeitgeist und der Esprit ihres Milieus packend frisch und temperamentvoll lebendig. 

Beim Blick zurück auf die Zeit der Teilung hat Ost-Berlin in den geläufigen Darstellungen meistens einfach nur trist zu sein. Bunt allerhöchstens in ausgewählten DDR-Farben. Geschichten über diese Zeit sind so genannte «Ossi»-Komödien à la «Good-bye Lenin» oder mit Pathos behaftet wie «Das Leben der anderen» – dazwischen noch ein bisschen «Weissensee».

Mit diesen Klischees räumt Jutta Voigt in ihrem neuen Buch «Stierblutjahre – Die Boheme des Ostens», das soeben im Aufbau Verlag erschienen ist, auf. Sie blickt darin zurück auf die Künstler- und Bohemeszene Ost-Berlins, in der sie sich selber bewegte. Das Szeneleben in der DDR war ganz bestimmt nicht monoton und fad, wenn man ihrem Buch Glauben schenkt. Besonders dann nicht, wenn internationale Stars wie Françoise Sagan vorbei kamen, um «Bonjour» zu sagen. Ihr Buch enthält persönliche Erinnerungen an die Partykultur in den Klubs und Bars der Hauptstadt der DDR und inszeniert deren Lokalitäten als Bühne für ihre Protagonisten: die In-Crowd und das Partyvolk des Nachtlebens. «Stierblut» war der in der DDR am weitesten verbreitete Rotwein, der aus Ungarn stammte, womit bereits ein wesentlicher Kitt dieser Szene benannt ist, der sie zusammen hielt: Der Alkohol.

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Stella Geppert: «Arbusti - Moving Studies & Homeopathic Interventions», Full HD, Loop 10 min, Venedig, 2014 / 2015
Interview, Performative, Sound & Vision, Spacial

«Für mich haben Gespräche architektonische Formen.»

Die Künstlerin Stella Geppert entwickelt in ihren Arbeiten raumbezogene und performative Konzepte und Installationen.
Mit Norbert Bayer sprach sie über ihre neuesten Arbeiten, demokratisches Handeln und ihre Träume. 

Stella Geppert zieht sich zu Beginn des Gesprächs den Kapuzenpullover über. Beim Überziehen des Pullovers rutscht ihr die Sonnenbrille, die sie in den Haaren trug, auf die Nase.

Stella Geppert: (lacht) Wie Sie sehen, kann ich mit dem Anziehen eines Kapuzenpullovers gleichzeitig meine Sonnenbrille auf die Nase stülpen.

Norbert Bayer: Sehr gut! Könnte das bereits eine Ihrer Performances sein?

Das ist für mich zunächst einmal eine Inspiration, aus der eine Intervention hervorgehen könnte.

Und was macht für Sie eine Intervention aus? Worin unterscheidet sie sich von der Performance oder dem Happening?

Also mit Happenings – ich bin zwar happy – aber mit Happenings hab ich nicht so viel am Hut. Für eine ortsspezifische Arbeit bedarf es eines langen Recherchevorlaufs. Gute Interventionen von mir sind hingegen aus dem Zufall heraus entstandene Situationen. Meine Objekte sind immer aus Situationen und Handlungen heraus entstanden, denn es gibt für mich keinen Gestaltungsprozess, der losgelöst wäre von alltäglichen Handlungen.

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Elizabeth Price: „The Woolworths Choir of 1979" (2013), video still | © Elizabeth Price 2013
Performative, Sound & Vision, Spacial

Fire In The Choir

Elizabeth Price, in den 1980ern Teil der Band Talulah Gosh, zeigt ihre mit dem Turner Prize prämierte Videoarbeit in Berlin. Architektur und die mit ihr verknüpften Strukturen und Gesten sind nur einige der Themen, die darin verhandelt werden. Absolut gewinnbringend anzusehen!

Man kann natürlich einfach der Künstlerin Elizabeth Price Glauben schenken, wenn sie von ihrer Arbeitsweise behauptet, ihr Hauptinteresse gelte «der Frage nach der Eigenständigkeit von Bildern und Tönen und dem Wesen der Konventionen, durch die beides miteinander in Beziehung gebracht wird.» Aber man muss sich damit nicht unbedingt zufrieden geben, denn diese Platitüden können zum Glück das Wesen ihrer Arbeiten noch lange nicht erfassen oder gar erschöpfend behandeln – zumindest nicht das der aktuell im Showroom des n.b.k. in Berlin ausgestellten Videoarbeit The Woolworths Choir of 1979, mit der sie 2012 den Turner-Prize gewann. Schließlich verschränkt sie in dieser komplexen Arbeit nicht weniger als: Architekturfotografie, Pläne und 3D-Renderings von Chorräumen gotischer Kathedralen mit deren Aufbau und Dekor; verfremdete Aufnahmen der Girl-Band Shangri-Las aus den 1960ern, die mit Out in the Street auch den betörenden und an Choräle erinnernden Soundtrack zur Videoarbeit liefern, und Archivmaterial vom Brand einer Woolworth-Filiale in Manchester im Jahr 1979, bei der etliche Menschen ums Leben kamen.

Das mag sich als Konzept zunächst etwas bemüht und angestrengt oder gar anstrengend anhören, ist es aber absolut nicht. Denn Price weiß um die Kraft von Harmonien und um die Catchyness von Rythmisierungen, was deutlich auf die Produktion des Videos The Woolworths Choir of 1979 durchschlägt: Es ist visuell durch Splitscreens und animierte Texteinblendungen und akustisch durch Schnipsen und Klatschen temporeich strukturiert und akzentuiert. Price kann dabei auf ihr Wissen aus ihrer früheren Musikkarriere zurückgreifen, denn sie war in den 1980ern Gitarristin und Backgroundsängerin der Band Talulah Gosh aus Oxford. Die Band gilt als Hauptvertreterin des Twee-Pop und obwohl ihr komplettes Werk auf eine CD passt, war es äußerst einflussreich für der Independent-Musikszene nicht nur Großbritanniens, sondern auch für die spätere Riot Girl-Bewegung in den U.S.A. der 1990er. 1986 erschien ihre erste Single, und vielleicht ist das 30-jährige Jubiläum nun der Anlass für diese Ausstellung im Jahr 2016.

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Julian Rosefeldt: „Manifesto“, 2014/2015 | © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Performative, Sound & Vision

Manifesto, ergo sum.

Der Künstler Julian Rosefeldt inszeniert in seiner Ausstellung Manifesto die Schauspielerin Cate Blanchett – und sein Ego mit dazu. Das Konzept bleibt dabei zwar auf der Strecke, aber das macht nichts.

Stell dir vor, du bist Künstler und wie es der Zu­fall will, wirst du einer der erfolgreichsten Schau­spielerinnen deiner Zeit vorgestellt. Sie findet dich sympathisch, bietet dir ihre unent­geltliche Zu­sam­menarbeit an und fordert dich auf, dich mit einer Projektidee zu melden. Über zwei Stun­den Film, das ist doch etwa nicht zu viel von ihr verlangt. Oder? Und je größer du planst, desto mehr Co-Produzenten kannst du mit ins Boot holen, denn – hey – du arbeitest ja schließlich mit Cate Blanchett zusammen.

Ob dies die Gedankengänge des Künstlers Julian Rosefeldt waren, die in die Ausstellung Manifesto mündeten, weiß man nicht, aber zumindest werden die äußeren Um­stände dieses Mär­chens offiziell so vom Künstler und dem Museum Hamburger Bahn­hof ver­breitet. Dort ist das Ergebnis seiner Zusammenarbeit mit Cate Blanchett bis Juli zu sehen, bevor es auf weiteren Sta­tionen zu den anderen Geldgebern reist, deren vollständige Auf­listung den be­scheidenen Rahmen hier sprengen würde.

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Stereo Total aus Berlin sind Brezel Göring und Françoise Cactus
Interview, Performative, Sound & Vision

«Ich schreibe meine Lieder nie nach Botschaften – ich schreibe meine Lieder nach Ideen!»

Françoise Cactus und Brezel Göring von Stereo Total im Interview über ihr neues Album Les Hormones, Rebellion, Schönheitsprobleme und Zufälle beim Kennenlernen.

Norbert Bayer: Liebe Françoise, lieber Brezel, zählt ihr eure Alben eigentlich noch oder habt ihr schon damit aufgehört?

Françoise Cactus: Es hängt davon ab, wie man das zählt. Also ist das jetzt das 10. oder das 12. offizielle Ding?

Brezel Göring: Also ich glaube, offiziell das zwölfte, aber inoffiziell wahrscheinlich schon 20. oder 26.

Euer neues Album heißt ja Les Hormones. Wo ist denn die Miss Rébellion des Hormones vom Album Paris Berlin geblieben – habt ihr sie rausgeschmissen?

FC: Ah ja, stimmt, Les Hormones ist immer ein Lieblingsthema von mir gewesen, schon damals. Hier kannst du Les Hormones sehen. (Sie zeigt eine Postkarte mit dem Cover von ihrem Hörspiel Autobigophonie.) Das sind die Jungs aus meinem Dorf, das waren meine Kumpels, als ich Teenager war und wir haben auch Musik zusammen gehört und dann hat jemand gesagt: «Oh, wir machen eine Band, wir machen eine Band!»

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Absolut Art Apartment Berlin | Foto: Sebastian Reuter/Getty Images for Absolut Art
Interview, Spacial, Visual & Iconic

«I think the art market is fantastic.»

Nahema Mehta, CEO of Absolut Art, talks about Berlin, the art market – and shares some tips on how to start collecting art.

Norbert Bayer: Dear Nahema Mehta, how did you choose the artists for this exhibition of the Berlin edition of Absolut Art?
Nahema Mehta: In every city we go into we partner with local curators on the ground and work with them collaboratively to choose the artists that we think represent the city. In Berlin we partnerned with Francesca Gavin and Nadim Samman here.
What was different in Berlin than in other cities?
I love Berlin – there is an incredible balance between historical relevance and unconventional thinking – you can see that tension in all of these works. That for me is spectacular, and unique to Berlin – it’s what’s made Berlin not only an art-hub that the culturely curious always want to come back to – myself included.
When have you been to Berlin for the first time?
Oh my godness, when I was ten, eleven. I grew up in Belgium in Antwerp, so not so far away. I think when I had came to Berlin for the first time, it was even more raw, not so built out, but that spirit still exists.
We hope to cultivate it…
You do! You don’t hope, you accomplish!

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Stella Geppert, Installation, Performance, Berlin, Künstlerin, Hieroglyphendecke
Performative, Spacial

Space to Power

Stella Gepperts künstlerische Arbeiten sollen durch die Vermischung von Performance und Installation zwischenmenschliche Verhaltensweisen hinterfragen und Rollenmuster aufbrechen.

Stella Gepperts Arbeiten bewegen sich zwar im Kontext von Körper- und Raumkonzepten – wer dabei jedoch an Happenings denkt, liegt allerdings falsch, denn ihre Arbeiten sind keine von Darstellern ausgeführten und inszenierten Handlungsanweisungen, die in einem konventionellen oder erweiterten Ausstellungskontext dem Publikum dargeboten werden. Sie selbst bezeichnet ihre Arbeiten als Interventionen und ortspezifische Arbeiten. Ihre Inter­ventionen sind oft eher aus dem Zufall heraus entstandene Situationen und wenn sie Objekte entwickelt, sind diese vornehmlich aus eben jenen Situa­tionen und daraus abgeleiteten Hand­­­lungen entstanden. Einen Gestaltungs­prozess, der los­gelöst ist von dieser künst­lerischen Stra­tegie, gibt es bei ihr eher selten.

In der Arbeit «When Destruction Becomes New Form» aus dem Jahre 2011 beispielsweise schuf sie durch die unterschiedliche Art und Weise, wie sie eine Briefablage zerstörte – z.B. durch Werfen, Zerschmettern, Zertrümmern, Häm­mern – eine jeweils andere, neue und somit quasi dekonstruierte Briefablage. Sie ging dabei der Frage nach, wie sich über Dekonstruktion, die hierbei durchaus auch als positive Kraft ver­standen werden soll, Formen wieder rekon­struieren lassen, wie Dekonstruktion rückwirkend auch die Konstruktion bestimmen kann und somit beide über körperliche und räumliche Verfasstheiten in ein Wechselspiel eintreten können.

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