Stella Geppert: «Arbusti - Moving Studies & Homeopathic Interventions», Full HD, Loop 10 min, Venedig, 2014 / 2015
Interview, Performative, Sound & Vision, Spacial

«Für mich haben Gespräche architektonische Formen.»

Die Künstlerin Stella Geppert entwickelt in ihren Arbeiten raumbezogene und performative Konzepte und Installationen.
Mit Norbert Bayer sprach sie über ihre neuesten Arbeiten, demokratisches Handeln und ihre Träume. 

Stella Geppert zieht sich zu Beginn des Gesprächs den Kapuzenpullover über. Beim Überziehen des Pullovers rutscht ihr die Sonnenbrille, die sie in den Haaren trug, auf die Nase.

Stella Geppert: (lacht) Wie Sie sehen, kann ich mit dem Anziehen eines Kapuzenpullovers gleichzeitig meine Sonnenbrille auf die Nase stülpen.

Norbert Bayer: Sehr gut! Könnte das bereits eine Ihrer Performances sein?

Das ist für mich zunächst einmal eine Inspiration, aus der eine Intervention hervorgehen könnte.

Und was macht für Sie eine Intervention aus? Worin unterscheidet sie sich von der Performance oder dem Happening?

Also mit Happenings – ich bin zwar happy – aber mit Happenings hab ich nicht so viel am Hut. Für eine ortsspezifische Arbeit bedarf es eines langen Recherchevorlaufs. Gute Interventionen von mir sind hingegen aus dem Zufall heraus entstandene Situationen. Meine Objekte sind immer aus Situationen und Handlungen heraus entstanden, denn es gibt für mich keinen Gestaltungsprozess, der losgelöst wäre von alltäglichen Handlungen.

Stella Geppert: «When Destruction Becomes New Form # 1 – 12», 12 Briefablagen, Holz- und Metallregale, Stühle, genormte Massewände, frontviews gallery, Berlin, 2011

Stella Geppert: «When Destruction Becomes New Form # 1 – 12», 12 Briefablagen, Holz- und Metallregale, Stühle, genormte Massewände, frontviews gallery, Berlin, 2011

Können Sie mir dazu ein Beispiel nennen?

Ein Beispiel wäre die Zerlegung von Briefablagen in der Arbeit «When Destruction Becomes New Form». Die unterschiedlichen Arten der Zerstörung, mit und ohne Werkzeuge, führten dazu, dass aus den unterschiedlichen Zerstörungsweisen eine andere, neue Form gebaut werden konnte. Diese verschiedenen Gesten der Wut sind aus dem Widerstand gegenüber einem System entstanden. Die Briefablagen habe ich genommen, weil ich mich mit Briefen an sich und mit dem Din A4-Blatt im Speziellen auseinander gesetzt habe – ein Handzettel löst andere Handlungen und Verhaltensweisen aus als ein Formular oder ein Bescheid. Die durch administrative Vorgänge ausgelöste Kommunikation, die es Menschen erst ermöglicht an einer Gesellschaft teilzuhaben oder eben nicht, ist die Ausgangslage von «When Destruction Becomes New Form» gewesen. Also kurzum: Ein Asylantrag wird nicht genehmigt und generell die Tatsache, dass es Menschen gibt, die bestimmte Ausweise und Zertifikate benötigen, um überhaupt in einem bestimmten Land leben zu dürfen. Diese Ohnmacht gegenüber einem sehr administrativen System – diese systemisch ausgelöste Ohnmacht – ist ein ganz wichtiger Teil dieser Arbeit gewesen.

Als ich daran gearbeitet habe, hörte ich im Radio Auszüge aus dem Roman Orangen für den Präsidenten von Abbas Khider. Er beschreibt darin eine Foltersituation, in welcher der Protagonist aufgrund der Vehemenz der Folterung vor Schmerz anfängt zu lachen. Er lacht und lacht und lacht. Die Folterer sind davon so irritiert, aber er hört nicht mehr auf zu lachen. Dies war für mich ein Schlüsselerlebnis, weshalb ich überhaupt die Arbeit «When Destruction Becomes New Form» gemacht habe. Genau in dem Moment, wenn eine Sequenz des Leidens sich verkehrt in eine Form, die man selber nicht mehr beschreiben kann – in diesem Fall das Lachen über die Situation, die hochgradig schmerzhaft ist, fängt der Protagonist an sich von der Situation zu lösen. Das hat mich zutiefst berührt und auch wütend gemacht. «When Destruction Becomes New Form» ist melancholisch einerseits und destruktiv anderseits, aber über die Melancholie entfaltet sie eben auch einen Moment der Befreiung.

Sind sie oft wütend?

Stella Geppert: «Hieroglyphendecke», Konstruktion 300 cm x 300 cm x 210 cm, Gesprächs-, Lese- und Tanzzeichnungen, Atelieransicht, Berlin, 2015 / 2016

Stella Geppert: «Hieroglyphendecke», Konstruktion 300 cm x 300 cm x 210 cm, Gesprächs-, Lese- und Tanzzeichnungen, Atelieransicht, Berlin, 2015 / 2016

Ich bin nicht oft wütend, aber ich würde behaupten, dass meine Arbeit auf Ebenen der Loyalität, des demokratischen Handelns und einem Gleichheitsverständnis der Menschen untereinander basiert. Es geht mir immer um Gruppenzugehörigkeit oder Gruppenformationen, in denen die Gefüge balanciert und gleichberechtigt sind. Aus dem Unverständnis von Ungleichgewichten oder Ungleichheit generiert sich meine Arbeit. Und die ist natürlich auch mit Emotionen verbunden, die konzeptuell aufgearbeitet werden.

Also sehen Sie Ihre Arbeit im politischen Kontext?

Die Grundmotivation Kunst zu machen ist ein politischer Kontext, ja. Ich würde sie nicht als politisch bezeichnen, aber sie entsteht aus einem Verständnis von Gesellschaft und einer Vorstellung von Gesellschaft, auf jeden Fall.

…die anders ist, als die jetzige Gesellschaft?

Die nach dem gesellschaftlichen Prinzip der Gleichheit funktioniert, nach dem Prinzip der Verständigung, mit dem Ziel der Überwindung von Ungleichheit oder des Erreichens einer Struktur, in der Dialoge auf Augenhöhe ermöglicht werden. Meine neueste Arbeit «Hieroglyphendecke» geht dem auch in gewisser Weise nach, indem sie versucht Formen zu entschlüsseln, in denen wir gefangen sind und die vielleicht andere Bilder hervorrufen können. Und wenn wir uns über andere Bilder verständigen, sind wir auch imstande, anders miteinander zu kommunizieren.

Könnten Sie das etwas genauer erläutern?

Stella Geppert: «Hieroglyphendecke», Talk with three persons about the best song we ever heared, standing, changing the position while talking, StG, KE, PF, 00:45 min, Künstlerhaus Bethanien, Berlin, 2015

Stella Geppert: «Hieroglyphendecke», Talk with three persons about the best song we ever heared, standing, changing the position while talking, StG, KE, PF, 00:45 min, Künstlerhaus Bethanien, Berlin, 2015

Also wenn wir alle Pömpel (lacht), also Zeichenkonstruktionen, wie in der Arbeit «Hieroglyphendecke», auf dem Kopf tragen würden, und alle unsere Kopfbewegungen beim Reden aufzeichnen würden, unabhängig eines Status’, den wir einkleiden oder einer Rolle, die wir meinen, ausfüllen zu müssen, dann würde unsere Verständigung anders verlaufen, wie bei meiner Arbeit «Hieroglyphendecke». Es geht mir dabei um das Aufbrechen von festgelegten rollenspezifischen Verhaltensweisen. Die «Hieroglyphendecke» ist eine Installation aus ganz zarten, filigranen Vierkantstahlrohren.
Die Konstruktion ist so gebaut, dass sie einen variablen, höhenverstellbaren Innenraum bildet, in dem eine Papierrolle ausgezogen werden kann, die dann die Decke des Raumes bildet. Die Personen mit denen ich in diese Installation eintauche, tragen alle eine Konstruktion auf dem Kopf, die in der Verlängerung mit einem Rohr ausgestattet ist, in deren Ende ein Kohlestückchen steckt. Je nach Größe der Person ist natürlich das Rohr auch unterschiedlich lang. Die Idee ist, dass während man sich unterhält gleichzeitig mittels der unbewussten Bewegungen des Kopfes an der Unterseite der Papierrolle zeichnet. Die unterschiedlichen Handlungen und Situationen, wie z.B. wenn ein Buch lesen, sich unterhalten, sich in Sitzungen formieren, Lehrveranstaltungen, Sprechstunden oder Liebesgespräche werden aufgezeichnet. Das möchte ich ganz gerne weiter vorantreiben. Auch mit dem Ziel, überhaupt noch stärker im Modus von Bewegungsaufzeichnungen zu arbeiten.

Und woran entzündet sich Ihre Inspiration im Konkreten? 

Das sind meistens Impulse, um Dinge, die nicht festzuhalten sind, in eine bestimmte Form zu verwandeln, wie zum Beispiel Gespräche, und auch den Grundmotivationen von Handlungen nachzugehen. Es ist die Idee einer «Archäologie der Kommunikation», die mich interessiert, – ich bin eine Archäologin der Kommunikation. (lacht) Ich erlebe Momente der Begegnung oder der Übereinstimmung in kommunikativen Zusammenhängen als architektonische Form und das erfüllt mich mit Kraft. Und ich frage mich, wie ich dafür eine plastische Form entwickeln kann, die wiederum motiviert, anders zueinander in Beziehung und damit auch anders in Kommunikation zu treten. Ich mache diese Arbeit aus dem Wunsch heraus, dass zwischenmenschliche, festgelegte Verhaltensweisen ins Wanken geraten und aufgebrochen werden. Dass Kunst sowieso etwas verändert ist klar, aber das kann Kunst nur im Wirken von vielen Kräften und nicht das Kunstwerk allein. Ansonsten würde ich meine Arbeit auch institutionalisieren und das würde wiederum meiner Denkfreude und meiner künstlerischen Arbeit extrem entgegenwirken.

Denkfreude ist ein schöner Begriff – welche Denker inspirieren Sie?

Momentan könnte ich Ihnen dazu gar keine konkrete Antwort geben. Mir sind Denker und Denkerinnen sympathisch, die sich nicht auf andere beziehen, sondern eine wirklich ganz eigenständige Konstruktionen ihrer Herleitung von Welt erarbeitet haben. Da gibt es Philosophen, die mich sehr inspiriert haben, weil sie ein für mich ersichtliches Denkgebäude erbaut haben, das eine Verknüpfung von Geist und Haltung zur Welt aufmacht. Und wenn sich das Denken authentisch gebiert und Denkkonstruktionen sichtbar werden, bin ich auch gedanklich dabei. Ich könnte jetzt sagen, zu allen Spiegelarbeiten haben mich Deleuze und Guattari im Vorfeld beschäftigt oder François Jullien z.B. hat auch eine große Auswirkung gehabt.

Sie haben Ihre ortsspezifischen Arbeiten erwähnt. Welche Orte sind für Sie besonders aufgeladen?

Stella Geppert: «Entfestigung», Haus, roter Stoff, Styroporflocken, Schlauchfolie, Lutherstadt Wittenberg, 1998

Stella Geppert: «Entfestigung», Haus, roter Stoff, Styroporflocken, Schlauchfolie, Lutherstadt Wittenberg, 1998

Für mich können fast alle Orte inspirierend sein. Das hat etwas mit der Hingabe zu tun, an einem Ort sich verorten zu wollen. Und das macht jeden Ort in gewisser Weise interessant und es auch lohnenswert, darüber eine Arbeit zu machen. Grundsätzlich geht’s mir erst einmal um die Aneignung der vielschichtigen Formationen, die einen Ort entstehen lassen, zu dem Menschen gehen, ihn vermeiden und/ oder in ihm bestimmte Praktiken vollziehen. Wenn ich mir Konzepte für Räume überlege, bin ich vor Ort und durchschreite den Raum, um heraus zu bekommen, welche unterschiedlichen Nutzungsformen in dem Raum immer noch existieren, obwohl sie gar nicht mehr architektonisch unbedingt lesbar sind. Viele meiner Installationen arbeiten mit dem Ver- und Aufgedeckt-Sein, wie in «Unabhängig von der Lage». Im Kunstverein Cuxhaven reaktivierte ich einen Deckendurchbruch, ein Aufzugschacht der ehemaligen Limonadenfabrik, der nicht mehr in der Erinnerung war, aber in der grundlegenden Programmatik des Raumes jedoch anwesend war.

Welche Arbeiten würden Sie als Ihre stärksten betrachten? Bei denen Sie sagen, da habe ich etwas erreicht und sie sind auch ausschlaggebend gewesen für weitere Arbeiten?

Für mich gibt es Schlüsselarbeiten, die mich in meiner künstlerischen Arbeit voran gebracht haben. «Entfestigung» ist eine Arbeit, bei der ich ein leerstehendes Gebäude, das schon kubisch in der Anlage war, ausgepolstert habe, so dass die Polsterungen aus den Fenstern heraus quollen. Mit der Arbeit habe ich für mich festgelegt, dass ich mich als Künstlerin bezeichnen darf, also unabhängig eines Diploms oder einer Prüfung innerhalb der Hochschule. Eine weitere Arbeit dann war «Parasitäre Verhältnisse und Dialoge» von 2002, in der ich das Anlehnungsverhalten von Wartenden zum Anlass genommen habe, eine bereits vorhandene Situation im U-Bahnhof Alexanderplatz so zu aktivieren, dass die Personen miteinander in Kontakt getreten sind. Es ist auch für mich eine der ersten künstlerischen Arbeiten, die eine politische Geste des Widerstandes gegen Entpersonifizierung und Ökonomisierung von öffentlichem Raum zum Ausdruck gebracht hat.

Stella Geppert: «Parasitäre Verhältnisse und Dialoge», 62 Polster, Metallbänder, Lack, Maße variabel, Installation in U-Bahnhof U2 Alexanderplatz, Berlin, 2002

Stella Geppert: «Parasitäre Verhältnisse und Dialoge», 62 Polster, Metallbänder, Lack, Maße variabel, Installation in U-Bahnhof U2 Alexanderplatz, Berlin, 2002

Und 2007 – 2009 war für mich eine sehr wichtige Arbeitsphase, in der ich drei Spiegelinstallationen realisiert habe, in denen ich architektonische Parameter eines White Cubes aufgebrochen habe. Von daher sind diese drei Arbeiten jeweils auf ihre Art, die sowohl den architektonischen Raum in Frage stellen, als auch das Denken über den Raum, als auch die Frage danach, wie wir uns im tatsächlichen Raum und auch in unserer Imagination verorten für mich sehr stark in ihrer Wirkung. 2013 war ebenfalls ein wichtiges Jahr für mich, in dem ich filmisch und performativ in Venedig im Studienzentrum arbeitete und begonnen habe, mich mit der Kultur des Gehens im Allgemeinen und im Speziellen in Venedig zu beschäftigen. Und es gibt immer wieder ganz, ganz kleine Arbeiten, die im Atelier entstanden sind, die ganz, ganz wichtig für mich sind.

Wie hat sich Ihre Arbeit im Laufe verändert – in groben Zügen?

Das Grundbedürfnis Kunst zu machen hat etwas mit Geben und Impulse setzen zu tun. Ein weiterer Grund ist das Bedürfnis intensiv in der  Welt sein zu wollen. Deswegen geht es in meiner künstlerischen Arbeit immer um Verortung und immer um die Frage: «Wo bin ich?» und «Weshalb tue ich was?». Meine künstlerische Arbeit kreist ganz stark um die Eigenverantwortung, tatsächlich intensiv das Leben zu erfahren und es in seiner Möglichkeit des Miteinanders zu hinterfragen.

Welche künstlerischen Vorhaben haben Sie für die nächste Zeit geplant?

Ich möchte die Bewegungsformationen der Installation «Hieroglyphendecke» noch weiter vorantreiben, dass heißt noch mehr mit unterschiedlichen Personen innerhalb der Konstruktion ihre Kopfbewegungen bei Gesprächen aufzeichnen und dann überlegen, in welche Form ich die Zeichnungen kategorisieren kann, denn es werden viele Zeichnungen unterschiedlicher Handlungen entstehen. Auch mit dem Ziel, überhaupt noch stärker im Modus von Bewegungsaufzeichnungen zu arbeiten.

Wovon träumen Sie?

Ich träume von Kollektiven, ich träume von Räumen, in denen die größtmögliche Freiheit des Handeln und Denken existiert und ich träume… ich träume ganz, ganz viel von Gesprächen, die architektonische Formen haben. Für mich haben Gespräche architektonische Formen. Ich werde nach unserem Gespräch diese Nacht mit Sicherheit auch träumen, welche architektonische Form unser Gespräch hat.

Frau Geppert, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Stella Geppert | Foto: Norbert Bayer

Stella Geppert | Foto: Norbert Bayer

Die Künstlerin Stella Geppert lebt in Berlin und entwickelt in ihren Arbeiten raumbezogene und performative Konzepte und Installationen, die sie sowohl selber als auch mit Gruppen umsetzt.

Sie studierte in Berlin an der Universität der Künste (UdK) und lehrte an der UdK, an der Technischen Universität Berlin und an der Kunsthochschule Braunschweig. 2013 war sie Stipendiatin des Deutschen Studienzentrums Venedig.

Seit 2010 ist sie Professorin für künstlerische Praxis an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. 

Weitere Informationen über Stella Geppert und ihre Werke finden Sie auf der Website der Künstlerin unter www.stella-geppert.de


Portraitfoto: Norbert Bayer | Fotos Arbeiten Stella Geppert: Thomas Bruns, Stella Geppert
Titelfoto: Stella Geppert: «Arbusti – Moving Studies & Homeopathic Interventions», Full HD, Loop 10 min, Venedig, 2014 / 2015

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