Schorsch Kamerun | Foto: Christoph Voy/Ullstein Buchverlage
Linguistic, Performative, Sound & Vision

Schenkt dir das Leben Zitronen – dann mach «Anarckeey» daraus!

Schorsch Kamerun, das Hamburger Allround-Talent zwischen Musik und Theater und außerdem Mitbegründer des Golden Pudel Clubs, legt nun sein Buch Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens vor.

Vom unscharfen Coverfoto seines Buchs Die Jugend ist die schönste Zeit des Leben grüsst uns Schorsch Kamerun mit dem Kopf nach unten hängend; seine Augen und sein Mund sind beide in die aufrechte Richtung darauf kollagiert. Sein Mund liegt somit über seinen Augen: Will er damit ausdrücken, dass bei ihm die Botschaft über dem Bild und der Geist über dem Image steht? Zumindest purzeln bereits hier die individuellen Elemente im Gesichtsfeld durcheinander und Zusammenhänge werden in Frage gestellt.

Er trägt einen Strickpullover mit klassisches Argyle-Muster: Ein leicht abgewetzter Look aus zweiter Hand zwischen bieder und preppy, der mit seinen bunten Rauten auf Weiß auch einen Hauch von Arlecchino-Figur der Commedia dell’Arte in sich trägt. Wie ein Harlekin schlüpft Kamerun gerne in verschiedene Rollen – die des Biedermanns gehört erfreulicherweise definitiv nicht dazu. Lieber möchten Schorsch Kamerun und auch sein biographisch inspiriertes Alter Ego Tommi from Germany wie Trickster-Figuren die künstlerischen und politischen Bedingungen durcheinanderwirbeln: Mal ist er als Musiker, z.B. mit seiner Band Die Goldenen Zitronen, dann als Clubbetreiber oder Theatermacher unterwegs und nun eben als Autor.

Ganz einer klassischen Biographie verpflichtet schildert er dabei anfangs seine Jugend auf dem Dorf an der Ostseeküste in der Nähe von Hamburg, was sich stellenweise sehr gespreizt liest. Vielleicht ist dies deswegen so erzählt, um die nicht immer als schön empfundene Jugendzeit mit der Ausbildung zum KFZ-Mechaniker in der Werkstatt des cholerischen Stiefvaters etwas weiter von sich wegzuschieben.

Schorsch Kamerun: „Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“, Ullstein Buchverlage

Schorsch Kamerun:
„Die Jugend ist die
schönste Zeit des Lebens“,
Ullstein Buchverlage

Doch Tommi lockert sich nach und nach durch das »Falsche Fische machen», wie er seine aufmüpfigen Einfälle draufgängerisch nennt, aus den starren Verhältnissen und es geht es in munterem Plauderton turbulent weiter mit den Erlebnissen und Erfahrungen in und mit der Hamburger Szene. Spätenstens als Tommi wegen einer verlorenen Wette, die er in einem Chatroom aus den Anfangszeiten des Internets abgeschlossen hatte, überraschend in Sankt Pauli aufschlägt, möchte er die Gesellschaftsordnung clownesk unterlaufen. «Die Dinge ließen sich aus der Reserve locken. Man musste nur wissen, wie sie zu kitzeln sind. Dann kamen sie ganz von selbst aus ihrer Ecke heraus.»

Hätte man ihm beim Coverfoto der Vollständigkeit halber eine Harlekin-Kappe aufsetzen wollen, dann müsste diese statt der klassischen Hahnenfeder – Gegockele ist trotz der ganzen Volten nicht sein Fall und wird stattdessen hinreichend hinterfragt und kritisiert – stolz einen Pudel-Puschel tragen und somit auf den von ihm mitbegründeten Golden Pudel Club hinweisen, der nun halbverbrannt in Hamburgs Hafenkiez liegt.

Zwischendurch werden die Rückblicke auf Ideale und Erwartungen, Begegnungen und Aktionen oft zaghafter und zerbrechlicher geschildert, als man es bei einem tatkräftigen Menschen wie ihm vermuten möchte. «Ganz so, als wäre er nicht beteiligt gewesen – an sich selbst.»

Stellenweise erinnert sein Erzählstil etwas an eine Beichte – die aber ganz sicher nicht nach einer Absolution verlangt, sondern eher wie eine kritische Selbstbefragung klingt. «Tommi selbst ist überall gewesen, wohin man einen mal stumpfen, mal zerbrechlichen Körper tragen konnte. Auch mit Lustgewinn. Und mit schalem Schmerz. Gefährliche Kämpfe, bescheuerte Spielchen. In Schuld und in Scham. Viele Kampfereignisse aber waren notwendige Abwehr. Und die meisten zum Glück nur Sport.»

Denn bei allem gilt es natürlich, sich nie erwischen oder gar einengen zu lassen, sondern durch einen Harlekinsprung zu entkommen. Oder wenn einem das Leben eine Zitrone gibt, frech und widerspenstig nach Salz und Tequila zu fragen.


Fotos: © Christoph Voy/Ullstein Buchverlage

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