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Linguistic, Performative

Kein Bedauern in Bamberg

Nora Gomringer gewinnt in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Wenn sich die CSU durchgesetzt hätte, dann käme die diesjährige Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises aus der deutschen Hauptstadt. Oder besser gesagt: aus der ehemaligen deutschen Hauptstadt. Hat die CSU damals nach dem Krieg aber nicht und so wurde Bonn die Hauptstadt Westdeutschlands und leider nicht Bamberg. Die Urkunde hängt nun trotzdem dort. Noch ein Glas Champagner nach der Preisverleihung? Leider nein – der «Germanisten-Porno», wie Nora Gomringer den Wettbewerb nennt, ist nun erstmal vorbei für sie. Sie hatte einfach keine Lust auf Feiern und so reiste das «Team Gomringer», bestehend aus ihren beiden Verlegern, ihrer Assistentin, ihrer Mutter und ihrem Freund, gleich nach der Preisverleihung aus Klagenfurt ab und kam um halb fünf Uhr morgens in Oberfranken an.

Auf den ersten Blick scheint die Urkunde leicht zerknittert, aber bei genauerem Hinsehen – wenn sich der Blick endlich von dem überproportionalen Siegelring, der an einem italophil-trikolore-farbenen Bändchen prangt und in vertikaler Hängung vermutlich die Urkunde schön nach unten zieht und in Stücke reißt – entpuppen sich die schattierten Linien dann leider doch als simpler Designunfall. Aber zumindest zeigt uns dieses Bild: Nora Gomringer ist zurück in der Stadt, in der sie das Stipendiatenhaus Villa Concordia leitet. Eigenbewerbung für ein Stipendium dort möglich? «Leider n e i n», denn das Kuratorium will die Künstler laut Website mit der Vergabe für erfolgreiches Schaffen auszeichnen. Zumindest das hat diese Einrichtung mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis gemeinsam, bei dem die den Preis vergebenden Kritiker die vorlesenden Autoren einladen und Nora Gomringer in einem Live-Wettbewerb, wie es auch die Poetry-Slams sind, aus deren Szene sie kommt, gegen die anderen gewann.

So hieß es dann am Ende auch «Leider nein» für die von den Medien ausgemachte Skandalnudel der Veranstaltung Ronja von Rönne, selbst für den per Twitter und Facebook kräftig gepushten Publikumspreis reichte es bei ihr leider nicht. Dafür durfte sie aber hinterher jedoch in ihrem Klosterschülerinnenoutfit das Cover von «Christ & Welt» zieren. Und immerhin bekam diese durch den Wettbewerb die Gelegenheit, sich darüber zu freuen, wie viele freundlich waren, wie viele hinreißende Nachrichten sie bekommen hat, wie oft sie vor Rührung geweint hat. Ob sie ihren in Klagenfurt gefassten festen Plan, nie wieder zu schreiben, wirklich umsetzen wird? Bereits zwei Tage später ließ sie über Facebook verlauten, dass sie ihren Vorsatz wahrscheinlich brechen wird. Also vermutlich sicherlich nein, denn eben jene Lektorin, die sie bei einem Berlinbesuch vor Silvester auf einer Party kennen gelernt hatte, und ihr Verlag werden dafür sorgen, dass der bereits abgeschlossene Buchvertrag eingehalten und ihr Roman nächstes Jahr erscheinen wird. Und vorher noch schnell den Zimmerservice anrufen und jemanden organisieren, der ihr die Vorhänge zu macht.

Ob die Siegerin wenn schon keinen Champagner wenigstens ein Aecht Schlenkerla Rauchbier trinkt – vielleicht auf ihr dem Fränkischen Tag zu Protokoll gegebenes schlechtes Gewissen ihren Mitstreiterinnen gegenüber? Schließlich werden von ihr bis Ende des Jahres gleich sechs neue Bücher erschienen sein. Nora Gomringer, Tochter des ehemaligen Propagandachefs der Schweizer Schmirgel- und Schleifindustrie Eugen Gomringer – besser bekannt als Begründer der konkreten Poesie –, könnte zumindest als großzügige Gewinnerinnengeste eine von ihnen mit einem Cameo-Auftritt in einem ihrer nächsten Texte beehren, so wie sie es im Siegerinnentext «Recherche» mit einer Schriftstellerkollegin tat, welche sich am Tag der Preisverleihung dann mit einem Blogpost auch selber zu Wort meldete.

Ob den Bonnern damals die unterlegenen Bamberger leid taten? Und sie sich Sorgen machten, dass der dortige Dom mit seinem Bamberger Reiter in Vergessenheit geraten und jemals verblassen könnten gegenüber ihrem Langen Eugen? Was für eine lächerliche Frage. Vermutlich leider nicht. Oder wohl eher: Sicherlich nicht – Triumphgefühle werden es damals gewesen sein. Nur leider kennt Bonn zumindest im Ausland mittlerweile niemand mehr, während der historische Stadtteil «Klein Venedig» der Weltkulturerbe-Stadt Bamberg immer noch äußerst lebendig und international bekannt ist.

Mindestens eine Frage, und zwar eine, die in existenzielle Abgründe blickt und die Abgründe wiederum in sich selbst anlegt, damit eine poetische Selbstbefragung par excellence vorführt und zugleich den Leser und die Zuhörerin dazu herausfordert und lachend zu Komplizen macht, welche manipulierend in einen Text eingreifen, den es ohne den Wettbewerb so gar nicht gäbe, bleibt noch:

Ob dieser verlogene, jämmerliche und skurrile Text hier jemals allen Ernstes veröffentlicht werden wird?

Die Antwort lautet: Leider ja.

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