Feige Fig Fresh Fruit | Foto: Clemens v. Vogelsang/Flickr – CC BY 2.0
Visual & Iconic

Ich wünsche dir, wahnsinnig geliebt zu werden

Liebeserklärung an die Feige

Ich weiß gar nicht, warum es dermaßen lange dauerte, bis du mir untergekommen bist und meine Hoffnung auf Abwechslung erfüllt wurde. Nicht, dass mein Leben ohne dich etwa sinn­los oder gar leer gewesen wäre – das sicher nicht – aber eben doch nicht so süß und ballaststoffreich wie mit dir. Unser erstes Treffen hatten wir im Hochsommer, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich hatte im Restaurant ganz unbefangen und noch unwissend dessen, was mich erwarten würde, einen Salat bestellt. Und dann lagst du äußerst lässig mit dem anderen Gemüse auf dem Teller und bist einfach mal eben in mein Leben geknallt.

Dein eigentliches Temperament hingegen, das sich in deinem milden Aroma offenbart, ist vollkommen weichherzig. Du bist zwar nicht feige, aber etwas schüchtern, deshalb lagst du wohl etwas abseits und wurdest verdeckt vom vielen Dunkelgrün. Schwarz-blau schimmerte deine zarte Haut durch die Blättchen des temperamentvollen Ruccola. Du ließest mich gewähren, ohne mir eine Ohrfeige zu verpassen und hast mir auch nicht deine berüchtigte Mano in Fica gezeigt. Ich konnte also mit meinem scharfen Messer ohne Umschweife deine pralle Haut aufschlitzen, um an dein äußerst leckeres Fleisch zu kommen und dich ohne Gewissensbisse komplett auszukratzen. Ja, so war das eben damals bei unserem ersten Treffen, eine veritable amour fou.

Bis dahin hatte ich dich vorher nirgends gesehen oder vielleicht nur nicht registriert, aber ab dann sah ich dich in so gut wie jeder Auslage und ich konnte dich mit Hülle und in Fülle überall genießen. Ich schnüffelte willig deinen lieblichen Duft, und wann immer ich dich zärtlich berührte, ließest du dich stets erweichen.

Es wundert mich nicht, dass du als süße Verführerin in die Geschichte eingegangen bist: Du sollst diejenige gewesen sein, die von Adam im Paradies vernascht wurde. Denn die Genesiserzähler konnten den Apfel, von dem immer behauptet wird, Adam habe ihn gepflückt, gar nicht kennen. Du bist also in den Sündenfall verwickelt – ich kann es nur allzu gut verstehen. Danach musste der arme Adam allerdings zu seiner Schmach seine Scham bedecken, wobei du ihm gerne mit einem deiner Blätter aushalfst – das war wirklich äußerst generös von dir! Dass du herzensgut bist, hatte ich ja bereits erwähnt.

Nach ein paar stürmischen Wochen war leider Schluss mit uns; nirgends warst du mehr zu sehen. Als der Winter Einzug hielt, bist du so überraschend wie du kamst wieder aus meinem Leben verschwunden. Übrigens ebenso aus mir, was daran lag, dass du der Perestaltik gerne auf Trab hilfst. Deshalb schnitzt man gerne die abstrahierte Form deines Fruchtfleisches oder deiner Blättchen in Form eines ❤ in die hölzernen Türen der Klohäusl.

In liegender Form und in Text übersetzt repräsentiert deine abstrakte Form auch Lippen, die einen Kussmund formen: <3. Und die in der Tat für meine stehen können, die dich nur allzu gern schmatzend verspeist haben. Sie formen jetzt jene Abschiedsbotschaft an dich, die dich hoffentlich erreicht, wo immer du jetzt gerade bist und von wem du dich gerade verschlingen lässt:

Ich wünsche dir, wahnsinnig geliebt zu werden, liebe Feige!


Foto: Clemens v. Vogelsang/Flickr – CC BY 2.0


Erschienen auf ZEITmagazin Online

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