Stierblut im Prenzlauer Berg Berlin | Illustration: Norbert Bayer
Archeological & Archival

DDR, aber Fete: Mit Mode­mädchen und Party­prominenz durch Ost-Berlin

Jutta Voigt schreibt in ihrem Buch «Stierblutjahre» die Geschichte der DDR-Boheme und nimmt uns mit in Bars und Cafés, die mittlerweile Vergangenheit sind. In ihren aufgezeichneten Erinnerungen bleiben der Zeitgeist und der Esprit ihres Milieus packend frisch und temperamentvoll lebendig. 

Beim Blick zurück auf die Zeit der Teilung hat Ost-Berlin in den geläufigen Darstellungen meistens einfach nur trist zu sein. Bunt allerhöchstens in ausgewählten DDR-Farben. Geschichten über diese Zeit sind so genannte «Ossi»-Komödien à la «Good-bye Lenin» oder mit Pathos behaftet wie «Das Leben der anderen» – dazwischen noch ein bisschen «Weissensee».

Mit diesen Klischees räumt Jutta Voigt in ihrem neuen Buch «Stierblutjahre – Die Boheme des Ostens», das soeben im Aufbau Verlag erschienen ist, auf. Sie blickt darin zurück auf die Künstler- und Bohemeszene Ost-Berlins, in der sie sich selber bewegte. Das Szeneleben in der DDR war ganz bestimmt nicht monoton und fad, wenn man ihrem Buch Glauben schenkt. Besonders dann nicht, wenn internationale Stars wie Françoise Sagan vorbei kamen, um «Bonjour» zu sagen. Ihr Buch enthält persönliche Erinnerungen an die Partykultur in den Klubs und Bars der Hauptstadt der DDR und inszeniert deren Lokalitäten als Bühne für ihre Protagonisten: die In-Crowd und das Partyvolk des Nachtlebens. «Stierblut» war der in der DDR am weitesten verbreitete Rotwein, der aus Ungarn stammte, womit bereits ein wesentlicher Kitt dieser Szene benannt ist, der sie zusammen hielt: Der Alkohol.

Jutta Voigt: «Stierblutjahre – Die Boheme des Ostens», Aufbau Verlag

Jutta Voigt: «Stierblutjahre – Die Boheme des Ostens», Aufbau Verlag

Madleen, Voigts Alter Ego in diesem Buch, studiert, wie die Autorin es tat, an der Humboldt-Universität Philosophie und arbeitet später als Redakteurin beim «Sonntag», der kulturpolitischen Wochenzeitung in der DDR, aus welcher der jetzige «Freitag» hervorging. Ihr Freundeskreis ist dementsprechend in der Kulturszene der Theatermacher, Literaten, Künstler und im Studentenmilieu der Kunsthochschule Weissensee, u.a. mit den Modedesignstudentinnen, die sich selber «Modemädchen» nennen, angesiedelt. Sie geniesst deshalb das Privileg, in den damals einschlägigen Kneipen zu verkehren.

In den frühen 1960 Jahren – also der Zeit um den Mauerbau – gerät Madleen mit traumwandlerischer Sicherheit an jene Orte, an denen scheinbar unbeschwert gefeiert wird und trifft dort auf zahlreiche Prominente: Von Berthold Brechts Entourage bis Heiner Müller, von Manfred Krug bis Jurek Becker, von Cornelia Schleime bis Judy Lybcke, von Hanns Eisler bis zu den Thalbachs, Sven Marquard und Robert Paris. Über sie weiß sie als Kind ihrer Zeit auch jede Menge interessanten und unterhaltsamen Klatsch und Tratsch zu erzählen. Selbst die internationale Boheme schaute in den 60er und 70er anscheinend regelmäßig in Ost-Berlin vorbei: Jean-Paul Satre, Simone de Beauvoir, Yves Montand, Sophia Loren, um nur einige der im Buch erwähnten zu nennen.

Einer dieser bedeutenden Orte ist der Club «Die Möve» in der Marienstrasse in direkter Nähe zum Berliner Ensemble, der vom Kulturbund der DDR betrieben wurde. Zu diesem und anderen Lokalen hatte nicht jeder Zutritt, sondern Verbände wie der Verband Bildender Künstler oder der Schriftstellerverband spielten hier die Türsteher. Dass die Staatsicherheit an den offiziellen Orten anwesend war, war den Besuchern der einschlägigen Kneipen klar, aber man versuchete es zu ignorieren, denn: «Politisches war dazu da, weggelacht zu werden.» Und wenn die Kneipen zu machten, wurde oft zuhause weiter gefeiert. Jedoch konnte man dort ebenso bespitzelt werden.

Der französische Existentialismus, der in den Nachkriegsjahren auch in den intellektuellen Zirkeln der DDR angesagt war und vom Kollektiv nichts wissen wollte, war der Partei ein Dorn im Auge. «Individualist – das war als Tadel gemeint in einer auf das Kollektiv eingeschworenen Gesellschaft.» Das Ausklinken aus einer das «Wir» propagierenden Gesellschaft und der Einstieg in ein von künstlerischen Individuen geformtes Milieu wurde als selbst organisiertes Unterfangen von den Staatsorganen unterbunden. Reguläre Arbeit war offizielle Pflicht: Wer nicht genug regelmäßige Einnahmen vorzuweisen hatte, der konnte unter den so genannten «Asozialenparagraphen» fallen und demnach sogar straffällig werden. Dennoch galt: «Man langweilte sich, also feierte man. Der für den Osten so typische frei umherschwirrende Intellekt machte das Feiern amüsant, man hatte sich ja nicht verausgabt bei der Arbeit, Produktivität wurde kaum verlangt.»

Gerade für die Zeitspanne der 50er und 60er Jahre werden das Leben und die nächtlichen Aktivitäten von Voigt als erstaunlich locker und unkompliziert geschildert. In atemloser Sprache springt Madleen federleicht von einem Zeitvertreib reibungslos zum nächsten. Das Leben erscheint äußerst unbeschwert. Klammert Voigt hier zum Selbstschutz einiges aus? Oder es ist der milde Blick zurück auf die Jugend? Jedenfalls merkt man, dass das Buch nicht geschrieben wurde, um grenzenloses Mitleid mit den von ihr Porträtierten zu erregen. Sie beschreibt stattdessen einfühlsam, wie sie und die Menschen um sie herum nach und nach lernten, mit Einschränkungen zu leben und die Realität innerhalb der erlaubten Grenzen neu zu definieren: «Polen ist mein Bella Italia». Paris galt vielen als Sehnsuchtsort, der auf der Bühne des zerfallenen Prenzlauer Bergs ideal nachgespielt werden konnte, welcher durch ein paar kleine Eskapaden zu verlassenen Landschlössern, die in der Phantasie Zeit und Raum auflösen konnten, ergänzt wurde.

Im weiteren Verlauf des Buchs werden die Brüche und Widersprüche des alltäglichen Lebens von Voigt dann klarer benannt und sind ihren Akteuren ebenfalls bewusst: Wenn Schauspieler auf der Bühne in den Stücken zwar den Sozialismus predigten, den viele anfangs und auch nach dem Mauerbau noch grundsätzlich unterstützten, jedoch nach der Vorstellung in den Westteil der Stadt fuhren, um ihre Ostmark in Westgeld für das Statussymbol Westzigaretten umzutauschen, dann ist das noch eine der geschilderten Begebenheiten der unterhaltsameren Art.

Jutta Voigt | Foto: Milena Schlösser/Aufbau Verlag

Jutta Voigt | Foto: Milena Schlösser/Aufbau Verlag

Zwischen die Erlebnisse Marleens packt Jutta Voigt immer wieder von ihr als «Zeitansagen» betitelte Interviews mit Zeitzeugen. So schafft sie es, keine rein individuelle und einseitige Binnensicht widerzuspiegeln, sondern darüber hinaus andere und durchaus abweichende Stimmen in die Schilderungen ihrer Art der Mikrogeschichtsforschung einfließen zu lassen.

Die verschiedenen Wellen der Kulturpolitik spiegeln sich in der Künstlerszene ebenfalls wieder: Keimende Hoffnungen auf Erleichterung der Arbeitsbedingungen und auf Anerkennung, wenn die Kriterien für akzeptierte Kunst vom Staat gelockert wurden. Frustrationen, wenn die Partei ihre Regeln wieder verschärfte. Die Versuche der Kreativen, sich an die Veröffentlichungsverbote zu gewöhnen. Trotzdem blieb es das erklärte Ziel, sich nicht einlullen zu lassen, oder wie Krüger, einer der Interviewpartner, es formuliert: «Wir wollten wach bleiben, lebendig! Wir waren Anfang zwanzig, das Leben musste doch irgendwie Spaß machen, auch unter widrigen Umständen.« Oder wie es der Puppenspieler Gottfried Reinhardt ausdrückt: «Über die Zeit kommen, ohne zu verblöden und ohne nach dem Westen abzuhauen.» Über das Café Espresso heißt es, es «war ein Planschbecken, in dem man sich mit Geistreicheleien und Bonmots bespritzte, sich reinwusch von der Ödnis des Offiziellen. Der vagabundierende Intellekt musste wach gehalten werden. Schon mittags gingen die Kognaks über den Tresen.»

Und dann folgen ab Mitte der 1970er Jahre die beginnenden Ausweisungen und Ausreiseanträge – symptomatisch und traumatisch die Ausweisung Wolf Biermanns im November 1976. «Wir haben für jede Ratte eine Behandlung. Die eine streicheln wir, der anderen zeigen wir das Loch, aus dem sie gekommen ist. Keine Ratte bleibt unbehandelt, soll ein Funktionär namens Müller versprochen haben. So kam es. Es war vorbei. Das Wort Ausreiseantrag gehörte ab jetzt zum Sprachschatz der Boheme.»

An den Widersprüchen zerbrechende Szene-Protagonisten, Selbstmorde, Suchtkarrieren: Auch diese Ereignisse haben Platz in diesem Buch und nehmen zum Ende hin in den Episoden über die späten 1970er und 1980er Jahre immer mehr Raum ein. Einige Fragen bleiben dennoch – vielleicht nur für mich als «Wessi» – offen: Wie war das genau mit den Scheinehen zwischen Bewohnern West- und Ost-Berlins? Wie genau kamen Ost-Berliner in den späten 1980ern anscheinend relativ leicht an Reisegenehmigungen für West-Berlin? Das Buch macht Lust darauf, mehr von der Ost-Berliner Szene, ihren Protagonisten und deren Werken zu erfahren und erleben. Noch geht dies; der letzte Vorhang ist noch nicht gefallen. Wer weiß wie lange noch? Es gilt deshalb weiterhin das Motto: «Rettet euere Seelen, SOS Boheme!»


Jutta Voigt auf Lesetour mit «Stierblutjahre – Die Boheme des Ostens» 

31.10.2016 Berlin, Palais in der Kulturbrauerei
03.11.2016 Berlin, Café der Dresdner Feinbäckerei
05.11.2016 Schloss Rheinsberg, Kurt Tucholsky Literaturmuseum
11.11.2016 Berlin, Theater Adlershof
22.11.2016 Rostock, Hugendubel Rostock
23.11.2016 Stralsund, Hugendubel Stralsund
01.12.2016 Berlin, DDR-Museum Berlin
06.12.2016 Berlin, Buchlokal Pankow

Weitere aktuelle Termine und Daten für das Jahr 2017 finden Sie auf der Website des Aufbau Verlags


Illustration: Norbert Bayer

 

Standard

One thought on “DDR, aber Fete: Mit Mode­mädchen und Party­prominenz durch Ost-Berlin

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>