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Interview, Photobook, Photography

«Mode spricht eine Sprache der Anpassung oder der Revolte»

Frau Val, Sie haben gerade Ihr neues Fotobuch FEMINIST veröffentlicht, in dem Sie sich mit den verschiedensten modischen Versatzstücken selber inszenieren. Was verbindet für Sie Mode und Feminismus?

Catrine Val: Nun, die Wahl des Buchtitels klingt zunächst an sich unsexy und spröde unparfümiert. Dabei dreht sich doch in der Mode alles um die Frau? Und den Mann – bei allem Feminismus sind Männer aus der Mode nicht wegzudenken. Per Definition lehnen Feministinnen die lüsterne Seite des Scheins ab, denn sie haben für andere Rechte gekämpft, als in die Falle des sinnlosen Selbstverliebtseins zu stolpern, aber die Zeichen der Mode sprechen entweder eine Sprache der Anpassung oder eine der Revolte. Die Großmütter der heutigen Feministinnen kannten das Korsett als Synonym der Unterdrückung. Heutzutage ist die Oberfläche des modisch inszenierten weiblichen Körpers die Projektionsfläche der gesellschaftlichen Verhältnisse. Ganz klar ist, dass alle feministischen Strömungen Konstrukte unserer Gesellschaft sind und aus der Notwendigkeit heraus geboren wurden. Als Frau, Mutter und Künstlerin suche ich nach keiner Pauschallösung. Vielmehr lerne ich diese Rollen täglich neu und erfülle sie mit Authentizität. Mir gefällt die Idee des dekonstruktiven Feminismus, der davon ausgeht, dass es so viele Identitäten wie Menschen gibt – starre Geschlechterbilder sollten schnellstmöglich über Bord geworfen werden.

Was macht Ihrer Meinung nach einen Körper vor der Kamera überhaupt zum Model?

Schließt man in diesem Moment die Augen, dann sehen doch die meisten von uns ein graziles, schlankes Mädchen, oder? Es sind harte Fakten die das Körperideal diktieren: 90 x 60 x 90. Models wissen das: 5 Kilo addiert die Kamera zum Realmaß hinzu. In der Verzweiflung wird deshalb der Körper zunehmend durch chirurgische Eingriffe auf das gültige Maß gebracht.
Wer über Schönheit und Mode nachdenkt, muss sich auch mit der Struktur und Funktionsweise der Medien auseinander setzen. Der Körper ist heute nicht mehr Maßstab, sondern er ist zum Medium geworden. Das ist ein grotesker Werteverfall, denn leider wird diese Maxime immer mehr von den Medien als von der Mode diktiert.

Sie stehen für Ihre Fotos auf beiden Seiten der Kamera, sind sowohl Produzentin der Fotos als auch Ihr eigenes Model. Ist Kontrolle der medialen Macht der Hauptgrund für Sie beide Rollen einzunehmen?

Die Macht des Modefotografen wird bis heute unangefochten aufrecht gehalten, dominiert von männlichen Fotografen. Dieses Verhältnis spiegelt sich hoffentlich in der straffen Künstlichkeit meiner Arbeiten wieder. Der verzerrte Blick auf den menschlichen Körper wird dabei von mir offen gelegt. Vor den Shootings habe ich tagelang nichts gegessen, damit ich in die maßgeschneiderten Kleider hineinpasste – 30 Liegestürzen bringen mich nicht außer Atem. Dem Druck, dem sich Models täglich ausliefern müssen – und mit dem Alter wird es nicht gerade einfacher – habe ich nur für eine kurze Zeit Stand gehalten.

Und warum arbeiten Sie nicht einfach mit Models?

Daß ich mich selbst als Darstellerin gewählt habe, resultiert aus meinem längjährigen Aufbäumen gegen die Begrenzung meiner eigenen Möglichkeiten. Während meines Kunststudiums verliefen diese sehr nah an der Unsicherheit hinsichtlich meiner Person und meinen Arbeiten an sich. Das resultierte aus dem Bruch von meiner ganz anderen vorherigen Identität: Sehr jung habe ich damals Ende der 1980er als Graphikerin in einer Werbeagentur in Wien gearbeitet. Das war eine Zeit in der Naivität und die glamouröse Oberfläche alles versprach – Schulterpolster und Geld waren vorhanden. Aids war eine erste erschreckende durchsickernde Hiobbotschaft, doch stets wurde Kulissen des schönen Scheins aufrecht erhalten. Ich habe die Models ausgewählt und mich durch deren Setkarten gequält. Dabei wurden mir stets die eigenen Abweichungen bewusst.

War das der Grund für Sie aus der Werbebranche auszusteigen?

Ich wollte auf eigenen Füssen landen und Kunst studieren, doch zuerst wollte mich keine Kunsthochschule haben. Nach mehreren Anläufen hat es zwar geklappt, die Werberin in mir verschwieg ich allerdings dabei. Dann kamen die Ansagen: „Catrine, du kannst nicht manisch ein schönes Bild nach dem anderen produzieren!“. Schönheit war damals in der Kunst eindeutig als Schimpfwort formuliert. So habe ich mich von meinen eigenen Werkzeugen entfernt, was im Rückblick eindeutig ein Fehler war.

Aber kommt es nicht auch darauf an, wieviel Macht Sie als Künstlerin dem ausführenden Fotografen übertragen?

Sicherlich, aber auch darauf, ob es das inhaltliche Konzept fordert. Als ich begann mit einem professionellen Team aus Fotograf, Modedesigner, Stylist und Make up Artist zusammenarbeiten, war ich so glücklich und berauscht über all die Kenntnisse und deren Synergien am Set. In der Simulation einer professionellen Produktion war ich die einzige Abweichung: Jeder wurde von mir bezahlt. Der Fotograf Jan Friese ist eigentlich wegen seiner Autokampagnen bekannt. Und wer Autos ausleuchten kann, der kann auch mich ins rechte Licht setzten, dachte ich mir.

Und dennoch kam dann doch der Sprung auch hinter die Kamera?

Bei Feminist habe ich mit mehreren Fotografen zusammengearbeitet. Aber ich habe mich nicht mehr dirigieren lassen, wusste ganz präzise was ich wollte. Vor allem hat mir mein Mann Olaf Val geholfen diese Vorstellungen zu realisieren um in all ihrer Schnelligkeit hinterherzukommen.
Letztes Jahr hatte ich kein Geld mehr und konnte mir keinen teuren Fotografen mehr leisten. Mein Leben war im Umbruch. Privat hatte sich das Rollenverhältnis geändert – ich war plötzlich in der Rolle der Mutter gefangen. Den kostspieligen Fotostrecken von Hochglanzmagazinen entkam ich mit einem Aufbäumen – FEMINIST war geboren, von Anfang an mit diesem Titel. In FEMINIST wechselte ich Perücken, Identitäten wie manch andere ihre Morgengarderobe. Ich driftete täglich zwischen Identitätsmustern, dem Erfinden von fiktiven Charakteren und Maskeraden. Andere leisten sich eine größere Brust oder die stereotype Nase. Zum selben Preis habe ich mir zum ersten Mal Geld geliehen und in mein Fotobuch investiert.

Was ist bei FEMINIST die inhaltliche Weiterentwicklung zu Ihren früheren Arbeiten?

Der Unterschied zu meinen früheren Arbeit ist der, dass ich bei FEMINIST den Körper und das Alter akzeptiere. Dabei wurden die Bilder mehr und mehr authentisch, liebenswert, skurril und zerbrechlich. In der Postproduktion habe ich nichts vertuscht. In FEMINIST geht es einmal nicht um das erotisch angehauchte menschliche Abbild. Ich wollte Möglichkeiten als Visionen aufzeigen, die nicht auf den Konsum ausgerichtet sind, sondern vielmehr als Qualität zum Nachdenken anregen. Stellvertretend steht dabei meine Person als Schablone vergangener und zukunftsorientierer Rollenbilder: „Wer bin ich, wer möchte ich sein In FEMINIST gebe ich keine These vor – das Abweichen von einer solchen ist ja gerade mein Ziel ohne in der Wiederholung zu enden. Frei interpretiert nach Jean-Paul Sartres These: „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt, er muss sich täglich neu erfinden.“

Nach welchen Kritierien wählen Sie die Kleidung und die Settings für Ihre Fotos aus?

Nicht so spontan wie es erscheint. Das Irritierende, Humorvolle und Fragile, das die Zusammenstellung der Kleider ausmacht, war mehr als nur eine Aneinanderreihung von Glücksfällen. Wie bei dem von mir sehr geschätzten britischen Modedesigner Jonathan Saunders galt meine gesamte Aufmerksamkeit der Farbe. Fernab von jedem Schnappschuss habe ich die Orte konzeptuell durch die Struktur ihrer Oberflächen bestimmt. Und deren Wechselspiel von inszenierter Stofflichkeit wie Beton, Raufasertapete, Granit, Gartenzäune oder einer blauen LKW Kolonne. Als kalkulierte Fusion kam dann erst die Person ins Spiel, die ich in meiner Phantasie ich schon längst zusammengesetzt hatte. Es hatte autistische Züge: das Hineinschlüpfen in die Rollen half mir zum seelischen Überleben. Frei nach der Möglichkeit sich selbst zu sein, selbst zu denken und selbst zu handeln.

Ihre Fotos im Buch sind nach Frauennamen benannt und werden ergänzt durch eine Zahlenkombination, die aber nicht als Datum dechifriert werden kann. Wie haben Sie die Namen vergeben?

Wie zum Beweis, daß alles ein Fake ist, wurde jeder der von mir verkörperten Identitäten durch ihren Namen zusätzlich „Identität“ eingeflüstert. In ihren geographischen Fährten, wie Concetta, Samantha Miyu verweisen sie auf Nationen im globalen Kontext. Deutsche, längst vergessene Mädchennamen wie Liselotte, Hilde oder Ruth werden als Vintage neu zum Leben erweckt. Wie bei einem Drehbuch brauchte ich einen realen Ansprechpartner, wohl wissend, dass in der Namensgebung Trends und soziale Geflechte als Code ablesbar sind.

Und was bedeuten die Zahlen, die den Titelnamen beigefügt sind?

Wie bei einem Tagebuch folgen die Zahlen in erster Linie dem Datum. Die Zahl am Ende verweist auf die Kleidergröße. Oft handelte es sich dabei um reine Kindergrössen. Wie auf dem Titelbild: dort sprengte ich die Enge des Babyschlafsacks wie eine dicke Raupe ihren Kokon. Wer kämpft nicht um seine Konfektionsgröße als Barometer für das erfolgreiche Lebensgefühl und das Versprechen nach Zufriedenheit?

Haben Sie auch bereits Männer verkörpert?

Bis dato habe ich mich exemplarisch nur auf den Modeschöpfer Valentino bezogen. Seine Geste der Macht war geprägt von einer Welle des Narzissmus und außerdem war er die Schlüsselfigur einer sich zu Ende neigenden glamourösen Ära, die des Femininen. Valentino wurde vorzeitig gegen seinen Willen in den Ruhestand getrieben. Dagegen versuchen alternde Design-Ikonen wie Karl Lagerfeld oder Joop für Wunderkind zwanghaft bis zum Grotesken ihren eigenen Idealen zu entsprechen. Jetzt nach Beendigung von FEMINIST entwickelt sich fließend das neue Projekt „POWER DRIFT“ – in der Gratwanderung zwischen Irritation, Persiflage und Verletzbarkeit. Hier werde ich mich in männliche Ikonen medialer Macht verwandeln. Mit viel Humor und Spaß bei der Umsetzung untersuche ich deren Mimik, Pose, Kleiderdiktat in all den rhetorischen Werkzeuge ihrer Körpersprache.

Was ist Ihre Vision, die Sie den Betrachtern näherbringen möchten?

Als Manifest betrachtet und was ich in keiner Saison ablegen möchte, ist daß ich als Künstlerin „Frau“ sein kann. Was immer noch nicht selbstverständlich ist. Ich habe damals als junge Mutter von zwei Kindern, bei Valie Export an der Kunsthochschule für Medien in Köln studiert. Ihre Geschichten um den Kampf und Anerkennung als Frau stehen als Mahnmal. Fürchterlich aufgeregt hat sie die Geburt meines dritten Kindes: Ob ich mich denn als Künstlerin eigentlich noch Ernst nehme? Ich frage mich: schliesst das eine das andere aus? Ich war eine junge Frau mit Hoffnungen. In der gesellschaftlichen Norm musste ich sehr für meinen Status als Künstlerin kämpfen. Ich wollte keine Antihaltung aufbauen, aber wie zum Trotz habe ich damals die Mode als Sprachrohr wieder entdeckt und mich mehr und mehr zu meiner Biographie bekannt. Heute weiß ich wovon ich spreche, den Feminismus lebe ich mit all der Weiblichkeit die dazu gehört.

Hier finden Sie eine Bildstrecke zu Feminist von Catrine Val

Veröffentlicht auf ZEIT ONLINE

Foto: © Catrine Val

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