Elizabeth Price: „The Woolworths Choir of 1979" (2013), video still | © Elizabeth Price 2013
Performative, Sound & Vision, Spacial

Fire In The Choir

Elizabeth Price, in den 1980ern Teil der Band Talulah Gosh, zeigt ihre mit dem Turner Prize prämierte Videoarbeit in Berlin. Architektur und die mit ihr verknüpften Strukturen und Gesten sind nur einige der Themen, die darin verhandelt werden. Absolut gewinnbringend anzusehen!

Man kann natürlich einfach der Künstlerin Elizabeth Price Glauben schenken, wenn sie von ihrer Arbeitsweise behauptet, ihr Hauptinteresse gelte «der Frage nach der Eigenständigkeit von Bildern und Tönen und dem Wesen der Konventionen, durch die beides miteinander in Beziehung gebracht wird.» Aber man muss sich damit nicht unbedingt zufrieden geben, denn diese Platitüden können zum Glück das Wesen ihrer Arbeiten noch lange nicht erfassen oder gar erschöpfend behandeln – zumindest nicht das der aktuell im Showroom des n.b.k. in Berlin ausgestellten Videoarbeit The Woolworths Choir of 1979, mit der sie 2012 den Turner-Prize gewann. Schließlich verschränkt sie in dieser komplexen Arbeit nicht weniger als: Architekturfotografie, Pläne und 3D-Renderings von Chorräumen gotischer Kathedralen mit deren Aufbau und Dekor; verfremdete Aufnahmen der Girl-Band Shangri-Las aus den 1960ern, die mit Out in the Street auch den betörenden und an Choräle erinnernden Soundtrack zur Videoarbeit liefern, und Archivmaterial vom Brand einer Woolworth-Filiale in Manchester im Jahr 1979, bei der etliche Menschen ums Leben kamen.

Das mag sich als Konzept zunächst etwas bemüht und angestrengt oder gar anstrengend anhören, ist es aber absolut nicht. Denn Price weiß um die Kraft von Harmonien und um die Catchyness von Rythmisierungen, was deutlich auf die Produktion des Videos The Woolworths Choir of 1979 durchschlägt: Es ist visuell durch Splitscreens und animierte Texteinblendungen und akustisch durch Schnipsen und Klatschen temporeich strukturiert und akzentuiert. Price kann dabei auf ihr Wissen aus ihrer früheren Musikkarriere zurückgreifen, denn sie war in den 1980ern Gitarristin und Backgroundsängerin der Band Talulah Gosh aus Oxford. Die Band gilt als Hauptvertreterin des Twee-Pop und obwohl ihr komplettes Werk auf eine CD passt, war es äußerst einflussreich für der Independent-Musikszene nicht nur Großbritanniens, sondern auch für die spätere Riot Girl-Bewegung in den U.S.A. der 1990er. 1986 erschien ihre erste Single, und vielleicht ist das 30-jährige Jubiläum nun der Anlass für diese Ausstellung im Jahr 2016.

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Die Band „Golf“ aus Köln | Foto: Landstreicher Booking
Performative, Sound & Vision

Hipness & Hotness

Planschen in Sommersounds – dieses Jahr unbedingt mit Golf aus Köln. Schwimm einfach mit!

«Irgendwie könnte ein bisschen Boy-Glamour nicht schaden.»
«Wie meinst du das jetzt? In deinem Leben?»
«Sehr witzig. Naja, es gibt da diese Band, Golf
«Golf?! Wie der Sport?»
«Hmm… vielleicht auch eher wie das Auto. Oder der warme Golfstrom… Jedenfalls sind das vier Jungs aus Köln…»
«… ist ja schon mal originell!»

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Julian Rosefeldt: „Manifesto“, 2014/2015 | © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Performative, Sound & Vision

Manifesto, ergo sum.

Der Künstler Julian Rosefeldt inszeniert in seiner Ausstellung Manifesto die Schauspielerin Cate Blanchett – und sein Ego mit dazu. Das Konzept bleibt dabei zwar auf der Strecke, aber das macht nichts.

Stell dir vor, du bist Künstler und wie es der Zu­fall will, wirst du einer der erfolgreichsten Schau­spielerinnen deiner Zeit vorgestellt. Sie findet dich sympathisch, bietet dir ihre unent­geltliche Zu­sam­menarbeit an und fordert dich auf, dich mit einer Projektidee zu melden. Über zwei Stun­den Film, das ist doch etwa nicht zu viel von ihr verlangt. Oder? Und je größer du planst, desto mehr Co-Produzenten kannst du mit ins Boot holen, denn – hey – du arbeitest ja schließlich mit Cate Blanchett zusammen.

Ob dies die Gedankengänge des Künstlers Julian Rosefeldt waren, die in die Ausstellung Manifesto mündeten, weiß man nicht, aber zumindest werden die äußeren Um­stände dieses Mär­chens offiziell so vom Künstler und dem Museum Hamburger Bahn­hof ver­breitet. Dort ist das Ergebnis seiner Zusammenarbeit mit Cate Blanchett bis Juli zu sehen, bevor es auf weiteren Sta­tionen zu den anderen Geldgebern reist, deren vollständige Auf­listung den be­scheidenen Rahmen hier sprengen würde.

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Izïa Higelin als Delphine und Cécile de France als Carole in „La Belle Saison – Eine Sommerliebe“ von Catherine Corsini | Foto: Alamode Film
Sound & Vision

The Summer of Love auf französisch? «La Belle Saison» d’amour!

Der Film La Belle Saison – Eine Sommerliebe von Catherine Corsini begleitet Izïa Higelin als Delphine und Cécile de France als Carole auf den Wegen ihrer Liebesbeziehung durch die politisch engagierten frühen 1970er Jahre in Frankreich.

Das trockene Land des Südens ermöglicht einen schnellen und federnden Schritt, der nach vorne strebt, während der schlammige Boden des Nordens durch eine langsamere und haftende Gangart die Menschen eher an sich bindet. So erklärt es im Film La Belle Saison – Eine Sommerliebe von Catherine Corsini, der 1971 in Frankreich spielt, die 23-jährige Delphine ihrer älteren Freundin und zukünftigen Geliebten Carole. Diese Ausführung umreißt gleichzeitig kurz und prägnant auch die beiden Charaktere und ihre daraus folgenden Handlungsmuster.

Delphine (gespielt von Izïa Higelin) ist im Norden Frankreichs auf einem Bauernhof aufgewachsen, also unter traditionell geprägten Geschlechtermodellen, die Frauen wenig eigenen Entscheidungsspielraum einräumten. Andererseits wurden sie durchaus als gleichberechtigt eingestuft, wenn es um die Einbindung in die Verrichtung der täglichen Arbeiten in der Landwirtschaft ging. Dies führte aber nicht dazu, dass sie aufgrund ihrer Leistungen für sich gleichzeitig auch daraus abgeleitete Rechte, wie eigenes Gehalt oder Krankenversicherung, eingefordert hätten.

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Schorsch Kamerun | Foto: Christoph Voy/Ullstein Buchverlage
Linguistic, Performative, Sound & Vision

Schenkt dir das Leben Zitronen – dann mach «Anarckeey» daraus!

Schorsch Kamerun, das Hamburger Allround-Talent zwischen Musik und Theater und außerdem Mitbegründer des Golden Pudel Clubs, legt nun sein Buch Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens vor.

Vom unscharfen Coverfoto seines Buchs Die Jugend ist die schönste Zeit des Leben grüsst uns Schorsch Kamerun mit dem Kopf nach unten hängend; seine Augen und sein Mund sind beide in die aufrechte Richtung darauf kollagiert. Sein Mund liegt somit über seinen Augen: Will er damit ausdrücken, dass bei ihm die Botschaft über dem Bild und der Geist über dem Image steht? Zumindest purzeln bereits hier die individuellen Elemente im Gesichtsfeld durcheinander und Zusammenhänge werden in Frage gestellt.

Er trägt einen Strickpullover mit klassisches Argyle-Muster: Ein leicht abgewetzter Look aus zweiter Hand zwischen bieder und preppy, der mit seinen bunten Rauten auf Weiß auch einen Hauch von Arlecchino-Figur der Commedia dell’Arte in sich trägt. Wie ein Harlekin schlüpft Kamerun gerne in verschiedene Rollen – die des Biedermanns gehört erfreulicherweise definitiv nicht dazu. Lieber möchten Schorsch Kamerun und auch sein biographisch inspiriertes Alter Ego Tommi from Germany wie Trickster-Figuren die künstlerischen und politischen Bedingungen durcheinanderwirbeln: Mal ist er als Musiker, z.B. mit seiner Band Die Goldenen Zitronen, dann als Clubbetreiber oder Theatermacher unterwegs und nun eben als Autor.

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Stereo Total aus Berlin sind Brezel Göring und Françoise Cactus
Interview, Performative, Sound & Vision

«Ich schreibe meine Lieder nie nach Botschaften – ich schreibe meine Lieder nach Ideen!»

Françoise Cactus und Brezel Göring von Stereo Total im Interview über ihr neues Album Les Hormones, Rebellion, Schönheitsprobleme und Zufälle beim Kennenlernen.

Norbert Bayer: Liebe Françoise, lieber Brezel, zählt ihr eure Alben eigentlich noch oder habt ihr schon damit aufgehört?

Françoise Cactus: Es hängt davon ab, wie man das zählt. Also ist das jetzt das 10. oder das 12. offizielle Ding?

Brezel Göring: Also ich glaube, offiziell das zwölfte, aber inoffiziell wahrscheinlich schon 20. oder 26.

Euer neues Album heißt ja Les Hormones. Wo ist denn die Miss Rébellion des Hormones vom Album Paris Berlin geblieben – habt ihr sie rausgeschmissen?

FC: Ah ja, stimmt, Les Hormones ist immer ein Lieblingsthema von mir gewesen, schon damals. Hier kannst du Les Hormones sehen. (Sie zeigt eine Postkarte mit dem Cover von ihrem Hörspiel Autobigophonie.) Das sind die Jungs aus meinem Dorf, das waren meine Kumpels, als ich Teenager war und wir haben auch Musik zusammen gehört und dann hat jemand gesagt: «Oh, wir machen eine Band, wir machen eine Band!»

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Miranda July | Foto: Joshua Barash/WehoCity
Linguistic, Performative, Sound & Vision

«You think you have deserved the pain – but you don’t.»

Miranda July erzählt in ihrem Roman Der erste fiese Typ von Gewalt in Beziehungen und Wegen der Befreiung – dabei greift sie auf ihre Erfahrungen aus der Performance-Kunst zurück. 

Der Globus Hystericus – vulgo: der Kloß im Hals – ist ziemlich genau das was einen befällt, wenn man vor Miranda July steht, um ein Buch signieren zu lassen, oder auch dann, wenn man versucht, einen Text über sie und ihr neues Buch The First Bad Man (in der deutschen Ausgabe Der erste fiese Typ) zu schreiben. Wo soll man nur anfangen – was wurde nicht schon alles geschrieben?

Die Multi-Genre Künstlerin Miranda July aus L.A., die zunächst als Performance-Künstlerin startete und 2005 mit dem Film Me and you and everyone we know die Caméra d’Or beim Film Festival in Cannes gewann, wurde einem breiteren Publikum mit ihrer Kurzgeschichtensammlung No One Belongs Here More Than You bekannt, die in deutsch 2008 unter dem nietzscheanischen Titel Zehn Wahrheiten erschien. Anfang 2015 veröffentlichte sie dann – nach einem weiteren Film, der auf einem vorhergehenden Buch beruhte, und diversen visuellen und textbasierten Kunstwerken, u.a. mit einer Beteiligung an der Biennale in Venedig 2011 – ihren ersten Roman Der erste fiese Typ, den sie nun in Deutschland und der Schweiz auf Lesereise präsentierte.

Aber worum geht es nun in ihrem neuesten Buch? Es geht zum einen um eben jenen Globus Hystericus, unter dem die Protagonistin Cheryll krankhaft leidet und der sie dazu verleitet, eine mysteriöse Farbtherapie zu beginnen, und der somit einen der Handlungsstränge ins Rollen bringt. Zum anderen geht es um die Erfahrung persönlicher Erniedrigungen innerhalb von Beziehungen, wie die Protagonistin sie erlebt und wie sie durch deren Überwindung sie zu neuer Vitalität und eigenständigem Handeln findet. Ja, das ist streckenweiße äußerst anstrengend zu lesen und dennoch nimmt einen Julys pointierte Sprache und die überzeugende Modellierung ihrer Charaktere gefangen.

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The Pirouttes, Paris, Pop, Chanson, Elektropop
Sound & Vision

On revient toujours à ses premières amours

The Pirouettes aus Paris sind das neue Traumpaar und Power Couple des französischen Pop-Chansons.

In Zeiten wie unseren, in denen Beziehungen immer brüchiger werden und keine Verbindung länger hält als ein paar Saisons – also wenn Raf Simons nicht mehr für Dior arbeiten will und Alber Elbaz plötzlich Lanvan verlässt – und du am liebsten in deiner Matratzengruft versinken und dich deinen Depressionen hingeben möchtest, bleibt dir immerhin noch diese eine Gewissheit: Ce n’est pas la mer à boire, denn der nächste große Coup des französichen Pops wird ganz bestimmt kommen und dich von deiner Traurigkeit befreien. Und tatsächlich kündigt er sich bereits wie ein erlösender Sonnenaufgang nach einer tiefen, dunklen Nacht an und personalisiert sich im Duo The Pirouettes aus Paris, France.

The Pirouettes sind Vickie Chérie und Leo Bear Creek, die sich in der Schule in Annecy kennen gelernt haben und beide angetreten sind, das neue Power Couple des französischen Elektropops zu werden. Ob sie in naher Zukunft in die sehr großen Fussstapfen von Elli & Jacno und von Catherine Ringer und Frédéric Chichin treten und die Geschichte der erfolgreichen Musikerpaare der Independentszene in Frankreich weiter schreiben werden? Im Song Dernier Métro nehmen sie jedenfalls mit einem Soundschnipsel aus Marcia Balla von Les Rita Mitsouko direkt Bezug auf diesen Teil der Vergangenheit. Darüber hinaus erinnert dessen Sound mit seinen hämmernden Keyboard-Klängen an den Synthie-Knaller Partenaire Particulier, womit als musikalische Referenzen eindeutig die ganz großen Klassiker der französischen Popszene der 80er Jahre indentifiziert wären, in die sich The Pirouettes vielleicht in naher Zukunft einreihen werden. Für die rechtsrheinischen frankophilen und frankophonen Hörer dürfte der Song Robocop wie ein Souvenir vom Album Musique Automatique von Stereo Total klingen oder mit seinen zeitweise rumpelnden Beats auch an Mein kleines Pony von Frederik Schikowski erinnern.

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Whit Stillman, Metropolitan, Westerly Films, New York, 1990
Sound & Vision, Visual & Iconic

Aus einer Zeit vor der Uber-App oder: Wie ein geteiltes Taxi überraschend eine aufkeimende Liebe ermöglicht hat

Whit Stillmans Erstlingsfilm «Metropolitan» von 1990

Mit der Uber-App wäre das alles bestimmt so nicht passiert: Denn dann wäre klar gewesen, für wen das Taxi bestimmt ist und Tom Townsed hätte nicht nach einem New Yorker Debütantinnenball in der Weihnachtssaison vom überzuvorkommenden Nick Smith angeboten bekommen, sich gemeinsam eines der raren Taxis zu teilen. Darüber hinaus wäre er nicht überzeugt worden, überstürzt mit zu einer privaten After-Party zu kommen und so zur Sally Fowler Rat Pack zu stoßen, einer Clique von rich Kids der Upper East Side. Ganz unbekannt ist Tom den jungen Damen dort nicht, denn sie kennen ihn über Serena, eine Ex-Freundin von ihm, die ihnen seine Briefe in der Schule vorlas und die auch über den ganzen Film hinweg für weitere Verwirrungen sorgt. Dass Tom von den gesellschaftlichen Standards her nicht in diese Clique passt, wird spätestens dann klar, als die Party vorüber ist und den anderen in der kalten Winternacht auffällt, dass Tom keinen adäquaten Überzieher hat. Tom verweigert aber diesmal ein geteiltes Taxi und nun wird ihnen vollends klar: «A West-Sider is amongst us.» Dort lebt er mit seiner Mutter, einer Autorin, die ihn am nächsten Tag darüber aufklärt, dass er die Ausleihzeit für den Smoking überziehen wird. Da es in der Sally Fowler Rat Pack einen Überhang an Frauen gibt, muss Tom – nun ja überraschenderweise weiterhin richtig ausstaffiert – auch nicht mehr lange überredet werden, einen weiteren Abend mit der Gruppe unterwegs zu sein. Tom, der sich als Sozialisten bezeichnet und überzeugter Anhänger des französischen Fourierismus aus dem 19. Jahrhundert ist und von daher diese Art Bälle und Festivitäten eigentlich ablehnt, wird aber von Nick eines besseren belehrt: Nämlich, dass es keine billigere Möglichkeit gibt, in New York am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, da man nur ein Outfit brauche, das es auch gebraucht zu erwerben gibt, und alles andere überdies gratis sei. Und überhaupt: Tom würde übersehen, dass die Damen auf ihn zählten, er somit auch unabhängig und nicht mehr lediglich die Begleitung einer der Damen wäre.

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