Stierblut im Prenzlauer Berg Berlin | Illustration: Norbert Bayer
Archeological & Archival

DDR, aber Fete: Mit Mode­mädchen und Party­prominenz durch Ost-Berlin

Jutta Voigt schreibt in ihrem Buch «Stierblutjahre» die Geschichte der DDR-Boheme und nimmt uns mit in Bars und Cafés, die mittlerweile Vergangenheit sind. In ihren aufgezeichneten Erinnerungen bleiben der Zeitgeist und der Esprit ihres Milieus packend frisch und temperamentvoll lebendig. 

Beim Blick zurück auf die Zeit der Teilung hat Ost-Berlin in den geläufigen Darstellungen meistens einfach nur trist zu sein. Bunt allerhöchstens in ausgewählten DDR-Farben. Geschichten über diese Zeit sind so genannte «Ossi»-Komödien à la «Good-bye Lenin» oder mit Pathos behaftet wie «Das Leben der anderen» – dazwischen noch ein bisschen «Weissensee».

Mit diesen Klischees räumt Jutta Voigt in ihrem neuen Buch «Stierblutjahre – Die Boheme des Ostens», das soeben im Aufbau Verlag erschienen ist, auf. Sie blickt darin zurück auf die Künstler- und Bohemeszene Ost-Berlins, in der sie sich selber bewegte. Das Szeneleben in der DDR war ganz bestimmt nicht monoton und fad, wenn man ihrem Buch Glauben schenkt. Besonders dann nicht, wenn internationale Stars wie Françoise Sagan vorbei kamen, um «Bonjour» zu sagen. Ihr Buch enthält persönliche Erinnerungen an die Partykultur in den Klubs und Bars der Hauptstadt der DDR und inszeniert deren Lokalitäten als Bühne für ihre Protagonisten: die In-Crowd und das Partyvolk des Nachtlebens. «Stierblut» war der in der DDR am weitesten verbreitete Rotwein, der aus Ungarn stammte, womit bereits ein wesentlicher Kitt dieser Szene benannt ist, der sie zusammen hielt: Der Alkohol.

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Peter Fischli and David Weiss: «Eine Ansammlung von Gegenständen», Sprüth Magers, Berlin
Archeological & Archival

«Die Tiefe muß man verstecken. Wo? An der Oberfläche»

Ausgraben, Ansammeln und Archivieren als künstlerische Praktiken

Künstlerische Kreativität und Schöpfungswille als alleiniger Ursprung eines Werkes und Anstoß zur materiellen Manifestation einer Idee, die vorher nur immateriell in der Gedanken­welt eines Menschen existierte – und am besten noch durch den sinnlichen und körper­lichen Kuss einer Muse zum Leben erweckt wurde – diese Art und Weise, Neues in die Welt zu bringen, scheint für viele nur noch als idealisierte Wunschvorstellung in den Köpfen einiger nostalgischer Träumer zu existieren.

Spätestens seit Marcel Duchamp mit der simplen – und wie manche behaupten darüber hinaus surrealen – Geste, ein seriell hergestelltes und für die vertikale Aufhängung be­stimmtes Industrieprodukt in die Horizontale umzulegen, zu betiteln und zu signieren, um so neue Bedeutungsebenen zu schaffen, darauf verzichtet hat materiell Neues zu pro­duzieren, kommt dem Künstler eine andere Rolle als bis dahin allgemein üblich zu: Er scheint sich in derartigen künstlerischen Praktiken von der Rolle des Schöpfers von materiellen Artefakten zu lösen und eher in die eines intellektuellen Urhebers zu wechseln, der u.a. mit parawissenschaftlichen Methoden die materielle Welt erkundet. [2] Dies kann wie im oben genannten Beispiel durch das Auslesen von Zeichen und eine semantische Neudeutung zur Aufdeckung der Arbitrarität des Forschungsgegenstandes geschehen, der im Fall von Duchamps Fountain eigentlich zum absaugen von Abwasser produziert wurde und nun potentiell durch Ausspucken von Flüssigkeiten zur Quelle wird, oder wie bei den 3 stoppages étalon, bei denen ein vom Künstler gesetzter Versuchsaufbau durch eine serielle, empirisch arbeitende Forschungsarbeit unterschiedliche visuelle Ergebnisse auswirft, die dann zum eigentlichen Werk weiter verarbeitet werden können.[3]

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